Tipps für die Trotzphase


Sie schmeißen sich auf den Boden, treten um sich, schreien, schlagen und sind kaum noch ansprechbar: Kinder in der Trotzphase bringen mit ihrem Verhalten ihre Bezugspersonen an den Rande der Verzweiflung. Und trotzdem ist es es wichtig, dass sie diese Phase durchmachen, denn sie ist notwendig für die Persönlichkeitsentwicklung eines jeden Menschen. Wie du professionell reagierst, wenn Kinder wüten und brüllen und welche Tipps du Eltern mit auf den Weg geben kannst, erfährst du bei uns!

 

Warum trotzen Kinder?

 

Kinder in der Trotzphase entwickeln ein „Ich-Bewusstsein“ und beginnen sich von ihren Eltern zu lösen. Sie möchten die Welt um sich herum entdecken und verfolgen erstmals eigene Ziele. Die lassen sich jedoch nicht immer umsetzen. Die Kinder stoßen an ihre körperlichen und emotionalen Grenzen und werden mit Regeln, Verboten und Misserfolgen konfrontiert. Diese Erfahrungen lösen Frustration und Wut aus und da jüngere Kinder noch nicht gelernt haben ihre Emotionen angemessen zu regulieren, schreien, treten und schlagen sie um sich. Ältere Kinder reagieren beleidigt, beschimpfen andere oder verkriechen sich irgendwo, wenn sie traurig, wütend oder überfordert sind.

 

Wann beginnt die Trotzphase und wie lange dauert sie an?

 

Die Trotzphase beginnt bei den meisten Kindern im dritten Lebensjahr, bei einigen, abhängig von der Persönlichkeit des Kindes und dessen Sprachentwicklung, auch schon früher. In der Entwicklungspsychologie wird anstatt „Trotzphase“ der Begriff „Autonomiephase“ verwendet, da dieser nicht so negativ besetzt ist. Die eigentliche Autonomiephase kann bis weit in das vierte Lebensjahr hinein andauern. Im Vor- und Grundschulalter können Versagensängste und Konkurrenzdruck für Stress- und Trotzreaktionen verantwortlich sein.
Diese Entwicklungsphasen machen alle Menschen in unterschiedlicher Ausprägung durch. Sie dienen dazu, Selbstbewusstsein zu entwickeln und die individuelle Persönlichkeitsentwicklung voranzubringen, gleichzeitig aber auch den eigenen Platz in der Familie, im weiteren sozialen Umfeld und letztendlich in der Gesellschaft zu finden und zu behaupten. Gleichzeitig lernt ein Kind Strategien, um mit Frust und negativen Gefühlen umzugehen.
Je nach Alter des Kindes können Trotz- bzw. Autonomiereaktionen unterschiedliche Gründe haben und sich in Intensität und Ablauf unterscheiden:

 

Trotzphase mit 1 Jahr:

 

Um den ersten Geburtstag herum gelingt es vielen Kindern sich an Möbelstücken hochzuziehen. Die meisten Kleinkinder in diesem Alter können sich krabbelnd fortbewegen, einige beginnen sogar schon zu laufen. Der Explorationsradius der Kinder erweitert sich durch diese neu erworbene Fähigkeiten enorm. Das Problem: Eltern möchten ihre Kinder vor Gefahren schützen und regulieren so mit bester Absicht das Autonomiestreben der kleinen Weltentdecker. Das erzeugt Frust und Wut, die Kinder trotzen und versuchen sich gegen die Einschränkungen aufzulehnen.

 

Trotzphase mit 2 und 3 Jahren:

 

Im dritten und vierten Lebensjahr werden Kinder zunehmend selbstständiger. Sie können sich nun besser verbal ausdrücken, trotzdem schaffen sie es nicht immer ihre Bedürfnisse mitzuteilen. Häufig stoßen sie an ihre motorischen und kognitiven Grenzen, wenn sie sich etwas vorgenommen haben oder aber sie werden mit Regeln der Erwachsenen konfrontiert, die sie noch verstehen. Die Konsequenz: Die Kinder lehnen sich auf, schreien, wüten oder schmeißen sich im Supermarkt auf den Boden, wenn sie die gewünschten Süßigkeiten nicht bekommen.

 

Trotzphase mit 4 Jahren:

 

Vierjährige beginnen sich mehr und mehr mit älteren Kindern zu vergleichen. Sie entwickeln eigene Interessen und individuelle Persönlichkeitsmerkmale. In diesem Alter verstehen sie langsam, warum es Regeln gibt. Diese zu befolgen fällt ihnen jedoch oft noch schwer. Der Alltag im Kindergarten ist für Vierjährige aufregend, oft aber auch frustrierend, weil sie nicht mehr zu den Jüngsten gehören, zu den Älteren aber auch noch nicht. Das sorgt für viel Konfliktpotenzial und Trotzreaktionen.

 

Trotzphase mit 5 und 6 Jahren:

 

Im Vorschulalter fühlen sich viele Kinder zumindest phasenweise über- oder unterfordert. Zwar gehören sie zu den Großen in der Kita, kennen die Regeln und Abläufe, treten selbstbewusst auf. Andererseits wissen sie, dass sich mit der Einschulung vieles ändert und sie sich in einer neuen Umgebung behaupten müssen.
Manche Vorschulkinder haben Angst nicht mithalten zu können oder sie entwickeln ein übersteigertes Konkurrenzdenken. Mal fühlen sich Fünf- und Sechsjährige stark und selbstbewusst, mal zeigen sie ein eher unsicheres und ängstliches Verhalten. Aufgrund dieser für Erwachsene nur schwer einzuschätzenden Gefühlsschwankungen sprechen Experten auch von der sogenannten „Zahnlückenpubertät“, die sich nicht selten in heftigen Trotzreaktionen äußert.

 

Wie kommt es zur Entstehung der Autonomiephase?

 

Voraussetzung für die Entstehung der Trotzphase ist der Wunsch des Kindes unabhängig von seinen Eltern seine Umwelt zu entdecken und eigene Ziele zu verfolgen. Damit dies gelingen kann, muss die motorische Entwicklung so weit fortgeschritten sein, dass diese dem Kind erlaubt seinen Explorationsradius zu erweitern. Dies ist meist der Fall, wenn es gelernt hat zu laufen. Auch die Sprachentwicklung hat Einfluss auf das wachsende Autonomiebestreben des Kindes. Gegen Ende des zweiten Lebensjahres verfügt es bereits über einen beträchtlichen Wortschatz und kann seinen Bezugspersonen seine Bedürfnisse und Wünsche immer klarer mitteilen. Trotzdem kommt es noch zu Missverständnissen, die Erwachsenen verstehen nicht immer sofort, was das Kind will.

Andererseits sind sie nicht immer bereit dem Kind sofort die gewünschte Aufmerksamkeit zu widmen. Es wird aufgefordert zu warten oder ihm werden seine Wünsche nicht gewährt (aus pädagogischen, organisatorischen, sicherheitstechnischen oder anderen Gründen). Mit diesem „Nein“ kann das Kind in diesem Alter nur schwer umgehen, weil es die Entscheidungen seiner Eltern noch nicht verstehen und nachvollziehen kann. Das führt zu Frust. Ähnlich reagiert ein Kind, wenn es an seine körperlichen und kognitiven Grenzen stößt, es beispielweise noch nicht alleine auf ein Klettergerüst klettern kann oder es ihm nicht gelingt bei einem Geschicklichkeitsspiel die richtige Lösung zu finden. All diese Faktoren können dazu führen, dass das Kind Grenzerfahrungen macht. Diese Erfahrungen empfindet es als negativ und reagiert wie bereits beschrieben. Es wird von seiner Wut regelrecht übermannt und muss diese deutlich zeigen. Manche Kinder steigern sich so in ihre Gefühle hinein, dass ihr ganzer Körper verkrampft. Doch keine Sorge: Derartige Reaktionen sind nicht gefährlich und das Kind trägt keine bleibenden Schäden davon.

 

Wie verhält man sich in der Trotzphase? Tipps für pädagogische Fachkräfte

 

  • Viele Kinder sind nicht mehr ansprechbar, wenn sie sich in Rage geschrien haben. Sie sollten dann die Möglichkeit bekommen sich zu beruhigen- vorher hat es in der Regel wenig Sinn das Problem lösen zu wollen.
  • Es ist wichtig Kindern zu vermitteln, dass es keine „schlechten“ Gefühle gibt. Emotionen dürfen und sollen gezeigt werden, allerdings kommt es auf die Art und Weise an, wie dies geschieht.
  • Kinder müssen erst lernen, im Affekt nicht zu treten, zu schlagen oder zu beißen. Erst wenn sie sich besser ausdrücken können und verstehen, dass sie mit ihrem Verhalten anderen Schmerzen zufügen, sind sie in der Lage Konflikte verbal zu lösen.
  • Ganz gleich wie heftig ein Kind tobt, schimpft und schreit: Pädagogische Fachkräfte dürfen diese Reaktion nicht persönlich nehmen oder auf sich beziehen. Das Kind ist wütend auf die Situation oder auf sich selbst und hat hinterher häufig ein schlechtes Gewissen. Daher ist es wichtig ihm zu zeigen, dass es nach wie vor geliebt und angenommen wird, wenn es sich beruhigt hat. Erzieher sollten sich niemals nachtragend zeigen.
  • Viele Kinder brauchen Hilfestellungen wenn es darum geht auf Möglichkeiten der Emotionsregulation zurückzugreifen. Vor allem Jungen hilft es oft, wenn sie ihre Wut an Kissen abreagieren dürfen oder ihren Frust in Bewegung umsetzen können. Mädchen suchen eher Trost und liebevolle Zuwendung, vor allem dann, wenn die Wut von Traurigkeit abgelöst wird.
  • Klare Regeln sind wichtig für Kinder, weil sie Sicherheit und Orientierung bieten. Gerade wenn es gefährlich wird, können Kinder ihr Handeln noch nicht richtig einschätzen. Daher sollten Pädagogen sich kein schlechtes Gewissen machen lassen, wenn sie sich nicht auf Diskussionen einlassen. Lautes Geschrei und Wutreaktionen werden von Kindern gerne als Druckmittel eingesetzt, wenn sie Aussicht auf Erfolg wittern.
  • Kinder zwischen dem zweiten und vierten Lebensjahr möchten zeigen, wie selbstständig sie schon sind. Wenn man ihnen die Schuhe anzieht, obwohl sie dies doch schon selbst können, kommt es häufig zu lautstarken Protestaktionen. Daher ist es sinnvoll, im (Krippen-)Alltag viel Zeit für Aktionen einzuplanen, in denen die Kinder selbst aktiv werden dürfen. So wird zudem ganz nebenbei ihr Selbstbewusstsein gestärkt.
  • Wenn ein sehr emotionales Kind es geschafft hat, sich selbst schnell wieder zu beruhigen oder seine Wut an Kissen und nicht an anderen Kindern auszulassen, so sollte es unbedingt gelobt werden. Es hat dann einen wichtigen Entwicklungsfortschritt gemacht und ist auf einem sehr guten Weg, seine sozialen und emotionalen Kompetenzen zu verbessern. Das wiederum wirkt sich auch positiv auf sein Selbstbewusstsein sein aus.
  • Gesprächskreise zu Gefühlen und den Möglichkeiten, Gefühle zu äußern ohne anderen weh zu tun, sind einsichtiger Beitrag um Kinder in ihrer sozial-emotionalen Entwicklung zu unterstützen. Dabei hilft es auch, aktiv Wortschatzarbeit zu leisten. Bilderbücher, in denen es um Emotionen und den Umgang damit geht, können diesbezüglich sehr hilfreich sein. Je besser sich ein Kind verbal ausdrücken kann, desto eher wird es verstanden. Emotional kompetente Kinder tun sich beim Lernen leichter, können Freundschaften schließen und pflegen und sind deutlich seltener in Konflikte verwickelt als andere Kinder.

 

Trotzende Kinder – 8 Strategien für Eltern

 

Viele Eltern suchen Rat bei den Erzieher*innen, wenn der Nachwuchs in der Autonomiephase steckt. Trotzreaktionen fallen zu Hause, wenn Kinder sich sicher und geborgen fühlen, in der Regel noch heftiger aus als in Krippe oder Kita. Das kann den Familienalltag stark belasten.
Folgende acht Tipps können Müttern und Vätern helfen die Lage zu entspannen:

 

  1. Ruhig und gelassen bleiben:

Auch wenn es schwer fällt - Wenn das eigene Kind schreit und wütet sollten Eltern versuchen selbst ruhig und gelassen zu bleiben um die Situation zu deeskalieren. Im Zweifel hilft es kurz den Raum zu verlassen. Gebrüll, Drohungen und Vorwürfe provozieren lediglich weitere Trotzreaktionen.

 

  1. Zeit einplanen:

Eine halbe Stunde früher aufzustehen kann Entlastung bringen, wenn das Kind morgens selbst seine Schuhe anziehen will. Unverplante Freizeit sorgt ebenfalls für Entspannung, weil es den Druck auf alle Beteiligten reduziert wenn nicht die ganze Familie zu einem festgelegten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort sein muss.

 

  1. Ausgleichsmöglichkeiten schaffen:

Das gilt für Kinder wie für Eltern! Wenn alle Familienmitglieder regelmäßig die Möglichkeit haben eigenen Bedürfnissen und Interessen nachzugehen entspannt sich die Lage merklich.

 

  1. Geduld haben und zuhören:

Wenn negative Gefühle wie Wut, Angst und Überforderung übermächtig werden sind Kinder in der Regel nicht ansprechbar. Eltern sollten versuchen das einfach als Tatsache hinzunehmen. Ist der Ärger verflogen, sind die Kleinen häufig traurig und haben vielleicht sogar ein schlechtes Gewissen. Dann ist es wichtig ein offenes Ohr für die Sorgen des eigenen Kindes zu haben und es bei Bedarf zu trösten.

 

  1. Kompromisse eingehen und Alternativen anbieten:

Das Kind will das rote T-Shirt nicht tragen? Kein Grund für einen Machtkampf- dann wählt es eben ein anderes aus. Kompromisse und alternative Handlungsmöglichkeiten helfen Kindern und Erwachsenen potenzielle Konfliktsituationen zu entschärfen und Trotzreaktionen abzuschwächen.

 

  1. Mit Kindern über Gefühle sprechen:

Freude, Ärger, Angst oder Neid sind Gefühle, die jeder Mensch empfindet. Kinder müssen lernen, dass Empfindungen an sich nicht schlecht sind. Es kommt aber darauf an, wie man mit negativen Emotionen umgeht. Hier können Eltern Vorbild sein, indem sie ihre Gefühle benennen und sich entschuldigen, wenn sie selbst sich unfair verhalten haben.

 

  1. Ablenkung bieten:

Ein Wutanfall bei Kleinkindern lässt sich häufig abschwächen oder sogar verhindern, wenn Eltern ihr Kind im entscheidenden Moment ablenken. Der Keks ist aufgegessen und der Nachwuchs will gerade lautstark einen zweiten einfordern? Da trifft es sich doch gerade recht, dass auf dem Spielplatz gerade viele Kinder eintreffen mit denen man spielen kann!

 

  1. So viele Regeln wie nötig, so wenig wie möglich aufstellen:

Je mehr Regeln es gibt, desto häufiger versuchen Kinder sich dagegen aufzulehnen. Regeln geben Struktur und Halt, gerade bei älteren Kindern im Vorschulalter sollten Eltern aber regelmäßig reflektieren, ob nicht die ein oder andere Lockerung sinnvoll erscheint. Sechsjährige brauchen mehr Freiheiten als Kleinkinder und möchten ihre Selbstständigkeit beweisen.

Bild: shutterstock_594432479

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