Inklusion im Kindergarten – gleiche Chancen für alle?

Text: Chris Eckert

Im Kindergarten beschäftigt sich eine Kindergruppe im Atelier mit Knete in verschiedenen Farben. Mit dabei ist auch Lena (5,2), die eine starke Sehbeeinträchtigung hat und daher seit ihrem ersten Lebensjahr eine Brille trägt. Die pädagogische Fachkraft beobacht Lena und sieht sie traurig am Tisch sitzend mit ihrer Knete auf der Knetunterlage hantieren. Sie knetet mit schwarzer Knete einige Bälle. Die Erzieherin macht sich Gedanken, warum das Mädchen gerade die Farbe Schwarz gewählt hat - ihre Traurigkeit unterstützt den Verdacht, dass Lena ein Problem haben muss. Vielleicht erkennt sie immer weniger durch ihre schlechten Augen. Am Nachmittag sitzt die Erzieherin bei Lena und zeigen ihr wertschätzend noch einmal ihre Knetbälle. Sie freut sich über das Interesse. Auf die Frage aber, wieso sie diese Farbe gewählt hat, antwortet Lena: „Ich war zu langsam und da war nur noch das Schwarz übrig. Ich war ganz schön traurig, denn eigentlich sollten meine Bälle doch bunt werden wie die von Mailo.“

Das Fallbeispiel zeigt, dass in jeder Kita, Krippe oder OGS bereits inklusiv gearbeitet wird, denn Kinder wie Lena kennst du sicher auch. Jedes Kind hat individuelle Stärken und Schwächen, Kinder mit körperlichen Einschränkungen, Entwicklungsverzögerungen oder sozial-emotionalen Problemen finden sich in jeder Kita-Gruppe. Letztendlich muss jedes Kind seinen Platz innerhalb der Kindergruppe haben dürfen, egal ob hochbegabt, mit Migrationshintergrund oder kognitiv beeinträchtigt. Aufgabe des pädagogischen Personal ist es, jedes Kind darin zu unterstützen sein Potenzial zu entdecken und, in enger Zusammenarbeit mit den Eltern, Entwicklungsprozesse anzuregen. Das ist ein hoher Anspruch, dem das pädagogische Fachpersonal erst einmal gerecht werden muss.

Wie aber verhält es sich daher in der Praxis mit Kindern, die zum Beispiel ein Down-Syndrom haben oder ein so großes Maß an Aggression zeigen, dass sie andere Kinder gefährden? Können oder müssen diese in einer Regeleinrichtung aufgenommen werden? Welche Ressourcen stehen den Einrichtungen zur Verfügung um diese Aufgabe zu bewältigen?

Was ist Inklusion? Definition und Abgrenzung zu anderen Begrifflichkeiten

Bei der  Inklusion (in der Soziologie auch als Teilhabe bezeichnet) hat jedes Kind das Recht, unabhängig von seinen individuellen Stärken und Schwächen mit in der Gruppe zu leben und zu lernen.

Die Unterteilung in leistungsabhängige Untergruppen entfällt, so dass jeder in dieser Gemeinschaft nicht nur Rechte sondern auch (in seinem Rahmen mögliche) Pflichten hat. Die diversen Fähigkeiten und Möglichkeiten des Einzelnen werden dabei als Bereicherung und Vorteil angesehen. Die Struktur der Gruppe, so die Annahme, wird sich dem Integrationsprozess  anpassen.

Wie aber funktioniert denn nun Inklusion? In dem alle zusammen das Gleiche tun können? Und was, wenn jemand auf Grund einer Beeinträchtigung nicht das Gleiche machen kann wie alle anderen? Wo bleibt denn da die Chancengleichheit?

Inklusion ist keine zusätzliche Aufgabe der Pädagog*innen, kein Projekt bzw. keine Methode. Inklusion ist ein gemeinsames Leitbild, das in der Konzeption einer Einrichtung verankert werden muss. Alle Barrieren für jeden in der Gemeinschaft werden kontinuierlich abgebaut und so der Zugang zu allem für alle geöffnet. Dazu ist es notwendig, heraus zu bekommen, welche Barrieren wem im Wege stehen und wie sie beseitigt werden können. Diesen Weg gehen bestenfalls alle Gemeinschaftsmitglieder (Team, Kinder, Eltern) zusammen, finden Lösungen und entdecken neue Möglichkeiten.

Die Rahmenbedingungen der Gruppe werden so angepasst, dass sich alle in der Gemeinschaft wohlfühlen und ihren eigenen Bedürfnissen nach optimal gefördert werden können. So wird das Bürgerrecht, dass jeder Mensch ein Mitglied der Gemeinschaft ist und dazu gehört,  optimal umgesetzt.

Also bedeutet Inklusion (vgl. Dupius 2011):

  • Mitmachen können und Partizipation leben dürfen
  • Achtung vor einander und deren Tun haben als Wertschätzung für die Individualität eines jeden
  • Unterschiede können auch Chancen bieten, denn jeder kann etwas gut
  • Jeder hat das Recht auf gute Bildung, Erziehung und Betreuung
  • Barrieren abbauen wollen bedeutet zu hinterfragen: Welche Probleme müssen gelöst werden, damit alle mitmachen können?
  • Wir bauen gemeinschaftliche Wertvorstellungen auf, die nachhaltig für alle gelten und wirken (Kinder, Pädagog*innen, Eltern). Diese müssen immer wieder an neue Situationen und Personen angeglichen werden können.
  • Unsere eigene Haltung bestimmt, wie professionell inklusiv wir selbst arbeiten.


Wir alle müssen also verstehen, dass Inklusion unsere gesamte Gesellschaft betrifft und nicht nur ein Teil einer kleinen Gemeinschaft. In der integrativen Bildung und Erziehung wurden bisher Kinder mit Beeinträchtigungen in die Gemeinschaft (Schule oder Kita) lediglich nur einbezogen. In der integrativen Pädagogik wird mit der Inklusion versucht, neue Wege zu gehen. Die Gruppe wird nicht mehr nach Neigungen und Fähigkeiten unterteilt:

  • sie bleibt homogen und
  •  jeder lernt mit und von den anderen.

Kinder mit und ohne Beeinträchtigungen werden mit dem inklusiven Ansatz in den Kindertageseinrichtungen gemeinsam betreut. Neben den Erzieher*innen fördern oftmals auch spezialisierte Mitarbeiter*innen im multiprofessionellen Team jedes der Kinder bestmöglich und allseitig.

Eines der Grundrechte in der BRD ist das Gleichheitsgebot (Artikel 3 Absatz 1 im Grundgesetz): „Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden.“ Dies gilt auch im Falle von Migration und Behinderung.

Die UN-Behindertenrechtskonvention, die im Jahre 2009 in Deutschland in Kraft trat,  konkretisierte dieses Recht, indem sie Vielfalt als wertvoll und Inklusion als selbstverständliches Gut einer Gesellschaft manifestierte. Somit wurden Chancengleichheit und Nichtdiskriminierung ein Recht für die Wahrung der eigenen Identität eines jeden. Es ist also ein EU-Grundrecht, dass ein Mensch nicht diskriminiert werden darf.

Ein Kind mit einer Behinderung hat demnach ein Recht auf eine ortsnahe Betreuung, wenn die strukturellen, personellen und logistischen Voraussetzungen geschaffen werden können.

Inklusion/Förderung von Kindern mit Down-Syndrom

Wie können Kinder mit Down-Syndrom sprechen, lesen und schreiben lernen? Dieser Film zeigt sehr anschaulich, dass dies mit kontinuierlicher Förderung problemlos gelingen kann. Über das Lautieren und das „Begreifen“ der Buchstaben mit allen Sinnen erlernen die Kinder die richtige Lautbildung und fast zeitgleich auch das Zusammenziehen der einzelnen Laute.

Kann Inklusion im Kindergarten gelingen? Methoden und strukturelle Voraussetzungen

Je nach Bundesland gibt es verschiedene Möglichkeiten auch in Regeleinrichtungen inklusiv zu arbeiten. Werden mehrere Kinder mit einer bekannten Beeinträchtigung in einer Gruppe betreut, so verbessert sich der Betreuungsschlüssel und die maximale Anzahl der Kinder beträgt nur noch 15 Kinder.

Weitere förderliche Faktoren sind:

  • die Bildung multiprofessioneller Teams: Kinderkrankenpfleger*innen, Heilerziehungpfleger*innen, Logopäd*innen, Ergotherpeut*innen usw. können das pädagogische Fachpersonal im Alltag professionell in der Pflege, Betreuung und Förderung von Kindern mit besonderen Bedürfnissen unterstützen
  • die Möglichkeit für das gesamte Team sich regelmäßig zu verschiedenen Aspekten der Inklusion fortzubilden, Fachberatungen in Anspruch zu nehmen, an einer Supervision teilzunehmen,
  • notwendige strukturelle Voraussetzungen seitens des Trägers und des Jugendamtes zu schaffen, wie zum Beispiel barrierefreie, ebenerdige Räume,
  • Integrationshelfer*innen einzustellen, wenn beispielsweise sozial-emotionale Auffälligkeiten bei einzelnen Kindern festgestellt werden, die eine Regelgruppe besuchen
  • das pädagogische Konzept dahingehend zu überarbeiten, dass Inklusion einerseits als wichtiger Bestandteil aufgeführt wird, andererseits aber erkennbar ist, dass Inklusion zum Kita-Alltag wie zum Leben außerhalb gehört und eben nichts Exklusives bzw. Besonderes ist

Davon abgesehen ist die eigene pädagogische Haltung aber der wichtigste Faktor wenn es darum geht inklusiv zu arbeiten.

Folgende Fragen solltest du regelmäßig analysieren und reflektieren (vgl. nifbe 2019):

  • Welche Unterstützung benötigt jedes einzelne Kind, um sich optimal weiterentwickeln zu können?
  • Wo sehen wir eventuell beim Kind Förderbedarf bzw. Stagnierung in seiner Entwicklung? Wie können wir dem Kind gemeinsam im Alltag helfen?
  • Sehe ich das Kind mit all seinen Kompetenzen, Fähigkeiten und Fertigkeiten? Wie sehen es die Anderen? Haben wir immer einen positiven Blick auf die Fähigkeiten und Stärken des Kindes?
  • Welche Bedingungen können bei der Weiterentwicklung des Kindes wichtig und notwendig sein (erkennbare Struktur, Rahmenbedingungen, Situationen und Übergänge)?
  • Nutze ich durch (m)eine wertschätzende Haltung für den Beziehungsaufbau zwischen Kind und mir immer optimal aus? Nur durch Anerkennung kann ich ein Kind wirklich erreichen!

Fest bestehende Beziehungen untereinander fördern die Anerkennung von Persönlichkeiten des Anderen. Anerkannt zu sein ist für die seelische Gesundheit von Kindern besonders bedeutend. Wertschätzung von außen als auch die kindliche Wertschätzung untereinander stärkt somit die eigene Persönlichkeit und schafft die Grundlage für Explorationen und Mut für Neues.

Andersartigkeit in einer Kita zeigt heute, wie selbstverständlich diese als eine Bereicherung mit all den verschiedenen Gedankengut und Ideen gesehen wird. Sie ist (d)eine Chance, Dinge anders zu sehen, als sie bisher waren. Kinder haben keine Scheu, durch ihre Neugier neue Methoden anzuwenden, um Ergebnisse zu sehen. Ihre Phantasie gibt ihrem kindlichen Spiel eine Bedeutung und erlaubt eigene Entwürfe ihrer Realität. Kinder lernen im Spiel sehr viel und setzen sich so mit ihrer Umwelt auseinander. Nebenbei erwerben sie spielend neues Wissen (Wie funktioniert meine Welt?), entwickeln ihre Fähigkeiten, Fertigkeiten und Interessen. Sie nehmen soziale Kontakte zu anderen Kindern und Erwachsenen auf (vgl. Juul 2003). Anders zu sein tut sie dabei nicht stören. Auch Kinder mit Trisonie21 suchen Wege, wie sie mit ihrem Wissen, ihrem Können ihre Ziele erreichen können.

Was  braucht die kleine Lena in unserem Fallbeispiel am Anfang von uns Pädagog*innen, damit sie bestmöglich gefördert werden kann und Inklusion in der Einrichtung wirklich funktioniert?


Sie benötigt eine stabile Beziehung zu den Erzieher*innen, damit sie vertrauensvoll ihre Welt erleben kann.

  • Sie mag gesehen werden und braucht die Wertschätzung ihres Tuns.
  • Sie möchte Dinge tun, die andere auch machen. Sie möchte keine Grenzen erfahren, nur weil sie vielleicht eine Brille trägt.
  • Sie will Teil der Gruppe sein und mitbestimmen dürfen, auch wenn sie dazu manchmal Hilfe und Unterstützung braucht.
  • Sie wünscht sich, mit und von den Anderen lernen zu dürfen und gestärkt aus Situationen heraus gehen zu können.

Haben wir die Ziele von Lena und jedem anderen Kind mit und ohne Beeinträchtigung jederzeit im Kopf und unterstützen bestmöglich diese Kinder darin, dann arbeiten wir selbst mit einer inklusiven Haltung als Pädagog*in.

Zuletzt noch zwei Tipps zum Weiterlesen:

https://www.kindergartenpaedagogik.de/fachartikel/kinder-mit-besonderen-beduerfnissen-integration-vernetzung/integration-und-inklusion/2318

https://www.lvr.de/media/wwwlvrde/jugend/kinderundfamilien/tageseinrichtungenfrkinder/dokumente_88/20_1797-An_alle_Denken-barrierefrei-bereinigt2.pdf

Literatur:

Albers, Timm (2011): Mittendrin statt nur dabei. Inklusion in Krippe und Kindergarten. München.

Burtscher, Irmgard Maria (2000): Mehr Spielraum für Bildung. Kindertagesstätten als Bildungseinrichtungen der Zukunft. München.

GEW (2016): Index für Inklusion in Kindertageseinrichtungen. Gemeinsam leben, spielen und lernen. Handreichung für die Praxis. Frankfurt a. Main. 4. Auflage.

Hocke, Norbert; Dilk, Anja; Dupuis, André (2011): Auf dem Weg zu einer inklusiven Kindertagesstätte. Berichte aus und für die pädagogische Praxis. Frankfurt am Main.

Juul, Jesper (2003): Das kompetente Kind. Hamburg.

Kazemi-Veisari; Erika (2015): Kinder verstehen lernen. Wie Beobachtung zu Achtung führt. Seelze. 4. Auflage.

Montag Stiftung (2015): Inklusion vor Ort. Der kommunale Index für Inklusion – ein Praxisbuch. Berlin.

Nifbe (2019): Inklusive Haltung und Beziehungsgestaltung. Kompetenter Umgang mit Vielfalt in der Kita. Freiburg im Breisgau.

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