Kinder mit AD(H)S im Kindergarten – die wichtigsten Fragen und Antworten

Unkonzentrierte und zappelige Kinder, die eine geringe Frustrationstoleranz haben und ständig unangenehm auffallen fordern pädagogische Fachkräfte heraus. Häufig heißt es dann: „Das Kind hat bestimmt ADHS.“ Eine derartige „Diagnose“ zu erstellen überschreitet allerdings die Kompetenzen von Erzieherinnen und Erziehern. Sie dürfen lediglich Beobachtungen festhalten und Vermutungen äußern. Aber wie geht man angemessen damit um, wenn ein Kind sich auffällig verhält? Und was können für Maßnahmen ergriffen werden, wenn dann aus ärztlicher Sicht wirklich ein Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom bei einem oder mehreren Kindern innerhalb einer Einrichtung diagnostiziert wird? Fakt ist: Jedes Kind hat das Recht darauf, dass seine individuellen Bedürfnisse und spezifischen Persönlichkeitsmerkmale von den pädagogischen Fachkräften Ernst genommen werden. Das gilt auch für Mädchen und Jungen mit speziellem Förderbedarf oder für Kinder mit einem Handicap.Was aber tun, wenn einzelne Kinder so stark die Aufmerksamkeit ihrer Betreuerinnen und Betreuer einfordern, dass andere Kinder zurückstecken müssen und die Situation für die Gesamtgruppe zur Belastung wird? Diese und weitere wichtige Aspekte im Hinblick auf die Frage, wie Kinder mit ADHS im Kindergartenalter professionell betreut und begleitet werden können, sollen nachfolgend aufgriffen werden.

 

Was ist ADHS?

Der Fachbegriff für ADHS ist „Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung“. Die Krankheit wird den Verhaltensauffälligkeiten zugeordnet und wirkt sich besonders auf die Bereiche Konzentrationsfähigkeit, Motorik und Impulskontrolle negativ aus. Betroffene zeigen insbesondere Auffälligkeiten im motorischen, kognitiven, emotionalen und sozialen Spektrum, so dass Experten ADHS als psychosoziale Beeinträchtigung einordnen. Tests zeigten, dass bei betroffenen Kindern im Alter von sechs Jahren funktionelle und strukturelle Auffälligkeiten des Gehirns vorliegen. Es ist zu vermuten, dass die Gehirnentwicklung daher von Anfang an anders verläuft als bei nicht erkrankten Menschen. Verschiedene Nervennetzwerke arbeiten nicht ökonomisch, daher kommt es trotz meist durchschnittlicher Intelligenz zu Verhaltensauffälligkeiten und zu verminderter Leistungsfähigkeit im kognitiven Bereich.

Anzeige

 

Welche Symptome weisen auf ADHS hin?

Betroffene zeigen nicht immer die gleichen Symptome und auch die Ausprägung der einzelnen Symptome ist bei jedem Menschen unterschiedlich stark. Wie bereits erwähnt, wirkt sich ADHS auf viele Bereiche aus. Die häufigsten Symptome bei Kindern sind

  • motorische Unruhe,
  • eine geringe Frustrationstoleranz,
  • eine im Hinblick auf das Alter geringere Konzentrationsfähigkeit,
  • eine mangelnde kognitive und/oder emotionale Impulskontrolle,
  • erhöhte Ablenkbarkeit

Viele der genannten Symptome sind aber auch bei Kindern zu beobachten,  bei denen kein ADHS diagnostiziert werden kann. Gerade im Vorschulalter entwickeln sich Kinder unterschiedlich schnell und eventuelle Abweichungen im Hinblick auf die normalen Verhaltensweisen von Klein- und Vorschulkindern verwachsen sich oft bis zum Schuleintritt. Kinder, die unter ADHS leiden, zeigen häufig auch noch andere Begleiterscheinungen, was an der komplexen neurologischen Störung verschiedener Hirnbereiche liegt. Starke Trotzreaktionen, Ängstlichkeit, Depressivität, Tic-Störungen, Aggression, Sprachentwicklungsstörungen, eine Lese-Rechtschreibschwäche oder andere Probleme gehen häufig mit ADHS einher und erschweren Betroffenen, Angehörigen und Pädagogen den Umgang damit.

 

Wie viele Kinder und Jugendlichen sind von ADHS betroffen?

Bei drei bis fünf Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland (300.000 bis 500.000) ist die Diagnose ADHS gesichert. Auffälligkeiten, die zur Symptomatik passen, können aber sehr viel mehr Kindern beobachtet werden. Jungen sind häufiger betroffen als Mädchen, wobei die Krankheit bei Mädchen vermutlich häufiger übersehen wird als bei Jungen, weil sie seltener besonders auffällige und von der Umwelt als „anstrengend“ empfundene Verhaltensweisen wie Hyperaktivität und Aggression zeigen. Betroffene Mädchen lassen sich ebenfalls schnell ablenken, sind aber eher ruhig, verträumt und introvertiert.

 

Tritt ADHS nur in der westlichen Welt auf?

Nein, unabhängig von möglichen kulturellen und ökonomischen Einflussfaktoren tritt ADHS in allen Ländern der Welt etwa gleich häufig auf.

 

Hat ADHS in den letzten Jahren zugenommen?

 Studien zeigen, dass ADHS nicht zugenommen hat. Durch das mediale Interesse sind wir lediglich stark sensibilisiert für die Krankheit. Über entsprechende Symptome berichteten Ärzte jedoch schon vor hundert Jahren.

 

Sind Betroffene weniger intelligent?

Der Durchschnitt der ADHS-Betroffenen ist normal intelligent. Allerdings können die Symptome die eigentliche geistige Leistungsfähigkeit negativ beeinflussen, so dass vor allem Schulkinder nicht ihr tatsächliches Leistungsniveau erreichen und Lernschwächen zeigen.

 

Wie entsteht ADHS?

Im Hinblick auf die Entstehung von ADHS spielen Umweltfaktoren, aber auch genetische Einflüsse eine große Rolle. Studien haben gezeigt, dass bei Verwandten ersten Gerades ein fünfmal so hohes Risiko besteht die Krankheit zu „erben“ als bei fehlender erblicher Vorbelastung. Ungünstige Umwelteinflüsse beeinflussen das klinische Erscheinungsbild von ADHS. Nachweislich sind eher Kinder aus unteren sozialen Schichten betroffen, Alkohol- und Alkoholkonsum während der Schwangerschaft können ADHS wahrscheinlich auslösen. Vermutlich spielen auch fehlenden Strukturen im Alltag sowie die Ernährung eine Rolle. Wie genau die einzelnen Risikofaktoren zusammenwirken ist jedoch nicht bekannt.

 

Ab wann kann ADHS diagnostiziert werden?

Eine relativ gesicherte Diagnose im Hinblick auf ADHS ist erst mit sechs Jahren möglich. Wenn die Symptome nicht sehr stark ausgeprägt sind, so besteht im Vorschulalter häufig die Chance, dass sie sich „verwachsen“, also entwicklungsbedingt von alleine irgendwann nachlassen. Bei Kindern zwischen vier und sechs Jahren bestehen daher häufig diagnostische Unsicherheiten, weil es schwierig ist die Symptome von anderen möglichen Störungen zu unterscheiden. Risikofaktoren wie extreme motorische Unruhe oder Unkonzentriertheit im Kindergartenalter sollten aber auf jeden Fall ernst genommen und weiter beobachtet werden. Therapeutische Maßnahmen können in Absprache mit Kinderärzten, Psychologen und Pädagogen präventiv auch schon erfolgen bevor eine sichere Diagnose möglich ist.

 

Wer kann eine sichere Diagnose stellen?

Der behandelnde Kinderarzt ist in der Regel in entsprechende interdisziplinäre Netzwerke eingebunden und kann speziell geschulte Therapeuten im Bereich der Kinder- und Jugendpsychatrie empfehlen. Es gibt bis heute keine standardisierten Tests für ADHS. Bestandteil einer umfänglichen Anamnese  können sein

  •  eine körperliche Untersuchung,
  • eine Befragung der Patienten und der Eltern,
  • schriftlich dokumentierte Beobachtungen von Erziehern, Lehrern oder Ärzten,
  • Fragebögen,
  • Neuropsychologische Untersuchungen

Wichtig ist, dass das Diagnoseverfahren sorgfältig durchgeführt und dass die individuelle Symptomatik erfasst wird. Ziel muss sein andere Störungen durch eine differenzialdiagnsotische Abgrenzung so gut wie möglich ausschließen zu können.

 

Wie kann ADHS therapiert werden?

Welche Therapieansätze verfolgt werden hängt immer von der individuellen Symptomatik ab. Im Vordergrund steht die Behandlung der am stärksten auftretenden und als besonders belastend empfundenen Symptome. Am meisten Erfolg verspricht ein interdisziplinärer Ansatz unter Einbeziehung von Eltern, Schule und/oder Kindergarten und Ärzten. Daher werden sowohl verhaltenstherapeutische Maßnahmen ergriffen, als auch pädagogische, psychologische und medikamentöse Behandlungsmethoden eingesetzt. Elternberatung und -trainings, sowie die Einbeziehung wichtiger Bezugspersonen wie Lehrer und Erzieher sind wichtig, damit die Therapie erfolgreich verlaufen kann.

 

Was muss bei der Behandlung von ADHS mit Medikamenten beachtet werden?

Experten empfehlen eine medikamentöse Behandlung frühestens bei Schuleintritt und auch nur dann, wenn die Symptome so stark ausgeprägt sind, dass sie die Lernleistung stark negativ beeinflussen. Wenn der Leidensdruck des Kindes steigt, weil es in der Schule nicht mithalten kann und nur negativ auffällt, dann besteht das Risiko extremer psychischer Belastungen – eine medikamentöse Behandlung erscheint dann das kleinere Übel zu sein. Doch auch die Gabe von Medikamenten zur Linderung der Symptome kann nicht isoliert zum Behandlungserfolg führen, eine begleitende Verhaltenstherapie sowie die Mitarbeit der Eltern ist immer notwendig. Zudem zeigt die medikamentöse Therapie nicht immer Wirkung. Sogenannte Stimulanzien sollen dafür sorgen, dass Patienten ruhiger werden, dass sich ihre Konzentrationsfähigkeit verbessert und  dass sie nicht mehr so leicht ablenken lassen. Aber: In 10 bis 15 Prozent der Fälle zeigen die Medikamente keine positive Wirkung. Was die Nebenwirkungen der zur Behandlung von ADHS eingesetzten Medikamente angeht, so sind diese in der Regel weniger stark ausgeprägt als allgemein befürchtet. Es kann zunächst zu leichten Nebenwirkungen wie Kopfschmerzen, Müdigkeit und Appetitlosigkeit kommen, bei den meisten Patienten klingen diese Symptome mit fortschreitender Behandlungsdauer ab. Dass die Medikamente süchtig machen oder sich negativ auf die Persönlichkeitsentwicklung von Kindern und Jugendlichen auswirken betreuten die meisten Ärzte.

 

Was sollten pädagogische Fachkräfte vorgehen, wenn sie vermuten ein Kind könnte unter ADHS leiden?

Oft liegt bei Kindergartenkindern noch keine gesicherte Diagnose vor, die ADHS bestätigt oder eben ausschließt, dass ein Kind daran leidet. Wichtig ist für Erzieherinnen, Erzieher und andere pädagogische Fachkräfte, dass sie sich mit Vermutungen oder Vorverurteilungen zurückhalten. Zunächst gilt es Kinder, die entsprechende Symptome zeigen, genau zu beobachten und die Beobachtungen schriftlich zu dokumentieren. Diese können dann als Grundlage für ein mögliches Elterngespräch dienen. Auch ein Austausch mit den Kollegen kann sinnvoll sein, wenn es darum geht herauszufinden, ob das jeweilige Kind auch von anderen Fachkräften als „auffällig“ wahrgenommen wird. Grundsätzlich gilt: Viele Kinder, die ADHS-Symptome zeigt spüren, dass sie leicht anecken, von Erwachsenen mehr Kritik einstecken müssen als andere und auch unter Gleichaltrigen nicht immer beliebt sind, weil sie ihre Emotionen nicht unter Kontrolle haben. Viele Dinge, die anderen Kindern mühelos von der Hand gehen, gelingen Kindern mit ADHS nicht oder nur unter größter Anstrengung. Das frustriert und nagt am Selbstbewusstsein. Daher ist es wichtig, dass Pädagogen in Kindern mit ADHS oder solchen, die entsprechende Verhaltensweisen zeigen, nicht nur die „Störenfriede“ sehen. Grade ADHS-Kinder brauchen Wertschätzung, Anerkennung und Erfolgserlebnisse damit sie eine Chance auf Entwicklungsfortschritte und eine unbeschwerte Kindheit haben.

 

Was brauchen Kinder mit ADHS, damit sie sich im Kindergarten positiv entwickelt können?

Natürlich ist es nicht einfach ADHS-Kinder liebevoll zu fördern und ihnen gleichzeitig zu helfen sich an Regeln zu halten und sie in eine große Kindergruppe zu integrieren. Folgende Handlungsstrategien können jedoch helfen, damit alle Beteiligten profitieren:

  •  eine enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen Eltern, Ärzten, Therapeuten und den betroffenen Kindern selbst,
  • Kooperation mit Experten, die ins Haus kommen oder bereits fest dort arbeiten (z.B. Ergotherapeuten, Heilpädagogen usw.), damit gerade sozial schwache Familien oder Alleinerziehende entlastet werden,
  • regelmäßige Entwicklungsgespräche, bei denen gemeinsam Förderziele festgelegt werden,
  • Einbeziehung des Kindes: „Was können wir tun, damit es dir im Kindergarten gut geht?/…damit es dir leichter fällt, dich an Regeln zu halten?/…damit du deine Wut los wirst?/…damit du ruhiger wirst?“ usw.
  • klare Strukturen und Regeln, ein geregelter Tagesablauf,
  • pädagogische Arbeit in Kleingruppen, damit das jeweilige Kind nicht zu vielen Reizen ausgesetzt ist, die es ablenken,
  • Lob und Wertschätzung, wann immer es angebracht ist,
  • konsequentes Verhalten,
  • spezielle pädagogische Angebote, zum Beispiel psychomotorische Einheiten, das Erlernen von Entspannungstechniken, die Möglichkeit sich auszutoben, Aggressionsabbau am Boxsack usw.

Das Wichtigste ist, dass pädagogische Fachkräfte eine gute Bindung zu den betreffenden Kindern aufbauen, auch wenn deren Verhalten herausfordernd sein kann. Denn kein Kind mit ADHS will andere vorsätzlich provozieren und meist sind es die betroffenen Kinder selbst die am meisten unter der Situation leiden.

 

Kann ADHS geheilt werden?

Eine komplette Heilung von ADHS ist nicht möglich, allerdings verspricht eine ganzheitliche und intensive Therapie häufig eine deutliche Verbesserung der Symptome, so dass sich viele Betroffene im psychosozialen, emotionalen und kognitiven Bereich positiv entwickeln. Trotzdem zeigen Studien, dass 50 Prozent der Betroffenen auch im Erwachsenenalter noch Auswirkungen wahrnehmen, meist jedoch in geringerer Ausprägung. ADHS „verwächst“ sich also nicht wie früher fälschlicherweise angenommen.

Quelle: http://www.bundesaerztekammer.de/fileadmin/user_upload/downloads/ADHSFAQ.pdf

Auch wenn ADHS sehr häufig auftritt, steckt die Forschung zu dieser Krankheit noch in den Kinderschuhen. Aktuelle Informationen zum Thema sowie Kontaktadressen und Hilfestellungen findest du hier und im zentralen Netzt für ADHS.

 

Hinweis: Der Text gibt lediglich allgemeine Informationen zur Krankheit, ihrer Entstehung, zu möglichen Symptomen und Therapiemöglichkeiten wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung! Eltern von möglicherweise betroffenen Kindern sollten sich immer zunächst an ihren Kinderarzt wenden, um einen entsprechenden Verdacht abklären zu lassen.

 

 

Wie gefällt Dir der Beitrag?: 
Noch keine Bewertungen vorhanden

Neuen Kommentar schreiben