„Reformpädagogik“- Ein Überblick über Merkmale und Geschichte

Merkmale Reformpädagogik

Der Begriff „Reformpädagogik“ ist nicht ganz leicht zu definieren, weil er sehr viele Aspekte und unterschiedliche pädagogische Strömungen und Ansätze beinhaltet. Grundsätzlich werden darunter alle Ideen zusammengefasst, die darauf abzielten Schule, den Schulunterricht aber auch die Erziehung im allgemeinen zu reformieren. Alle reformpädagogisches Ansätze haben als gemeinsames Merkmal, autoritäre Erziehungskonzepte durch liberale, demokratische und weniger leistungsorientierte Konzepte zu ersetzen.


Weiter gelten auch noch folgende Merkmale als typisch für alle reformpädagogische Strömungen:

  • Noten und Leistungsdruck werden abgelehnt,

  • das Individuum und seine Persönlichkeitsentwicklung steht im Mittelpunkt erzieherischer Bemühungen,

  • Unterricht, Bildung und Erziehung zielt darauf, die Selbstständigkeit des Schülers bzw. des Kindes zu fördern und Selbstbildungsprozesse anzuregen,

  • Die Rolle des Lehrers bzw. des Erziehers wird neu definiert: Er ist Lern- und Entwicklungsbegleiter und nicht in erster Linie Autoritätsperson

  • Im Hinblick auf Methodik und Didaktik experimentieren Reformpädagogen mit neuen Gestaltungsmöglichkeiten in der Erziehung und im Unterricht die darauf abzielen, effektives, spielerisch-entdeckendes, individuelles und intrinsisch motiviertes Lernen zu fördern

  • ein demokratischer und auf Partizipation und Wertschätzung ausgelegter Erziehungs- und Unterrichtsstil

  • neben der reinen Wissensvermittlung auch die Förderung von sozialen, emotionalen und kreativen Kompetenzen sowie die Möglichkeit des Erlernens lebenspraktischer Fähigkeiten

  • die Berücksichtigung von entwicklungspsychologischen und medizinischen Forschungsergebnissen um Kinder optimal und altersgerecht fördern zu können

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Bekannte Methoden und Ansätze in der Reformpädagogik sind beispielweise folgende:

  • Freiarbeit

  • Projektarbeit

  • Werkstattarbeit/Lernwerkstätten

  • offene“ Arbeit in Kindergärten

  • Epochenlernen

  • altersübergreifendes Lernen

 

In der Zeit zwischen 1890 und 1933 stellten besonders viele Reformpädagogen ihre Ideen vor. Speziell in Deutschland und den USA waren die Reformansätze populär. Die Gründe, warum sich eine kritische Haltungen gegen das Schulsystem und gegen gängige Erziehungsmethoden und –Grundsätze gerade im ausgehenden 19. und im beginnenden 20. Jahrhundert durchsetzte und auf fruchtbaren Boden fiel, sind in der politischen und sozialen Struktur dieser Zeit zu suchen:

 

  • Eine umfassende Schulbildung war Kindern (meist Jungen) aus wohlhabenden Familien vorbehalten. Kinder aus Arbeiterfamilien lernten kaum mehr als die Bibel zu lesen und daraus zu rezitieren, sowie ein wenig zu schreiben und zu rechnen.

  • In der Schule wurden die Kinder schikaniert, unter Druck gesetzt häufig sogar körperlich gezüchtigt. Ein Schüler hatte zu gehorchen und sich zu fügen, eigenständiges Denken war nicht gern gesehen. Gleichzeitig mussten die Kinder still und aufrecht sitzen und dem Lehrer lauschen, der einen Vortrag nach dem nächsten hielt. Andere Methoden als Frontalunterricht waren unbekannt.

 

Die Reformpädagogen forderten Chancengleichheit und individuelle Förderung für alle Kinder unabhängig ihrer Herkunft. Sie lehnten Notendruck, physische und psychische Gewalt und Monotonie im Unterricht und in der Erziehung allgemein ab. Sie wollten das Kind und seine natürliche Neugier in den Mittelpunkt stellen, Prinzipien wie Wertschätzung, eigenverantwortliches Lernen, Methodenvielfalt, soziale Kompetenz und praktisches Tun gewannen immer mehr an Bedeutung. Daher lassen sich trotz heterogener Ansätze folgende Gemeinsamkeiten bei allen Reformpädagogen finden:


  • Erfolgreiches und nachhaltiges Lernen erfordert Freiheit

  • Eine Schule ist nicht nur eine Lern- sondern auch eine Lebensgemeinschaft

  • Ein Kind ist kein kleiner Erwachsener, sondern hat altersspezifische, entwicklungspsychologisch bedingte Bedürfnisse und Interessen

  • Bildung erfordert eigenständiges Tun

  • Das Lernen muss selbstverantwortlich geschehen

  • Lehrinhalte müssen einen Bezug um realen, alltäglichen Leben aufweisen

  • Schule und auch das Elternhaus sind Orte der ganzheitlichen Menschenbildung

 

Nachfolgend findest du eine chronologische Auflistung wichtiger Reformpädagogen und Vordenker aus früheren Jahrhunderten. Die Liste erhebt natürlich keinen Anspruch auf Vollständigkeit - würde man alle relevanten Reformpädagogen aufzählen wollen müssten mehr als 100 Persönlichkeiten berücksichtigt werden.

 

Name

Lebensdaten

Wichtige Ideen und Reformansätze/

Hauptwerk

Johann A. Comenius

  1. bis 1670

Forderung nach zwangsfreiem Unterricht und allgemeiner Schulpflicht (für Jungen und Mädchen!)

Lernen durch Tun,

Vorbildcharakter der Lehrenden und Erziehenden,

Anschaulichkeit erleichtert das Lernen

Hauptwerke: Janua Linguarum Reserata, Orbis sensularium pictus (eine

(eine Enzyklopädie für Kinder)

Jean-J. Rousseau

1712 bis 1778

Bedeutung der Selbstbestimmung im Kontext der Sozialisation,

Begründung pädagogischen Handelns durch Sprache,

Betonung der Individualität im humanen Miteinander,

Bedeutung von Erfahrungslernen und lebenspraktischer Lerninhalten,

Einteilung der Kindheit in Lern- und Entwicklungsphasen

Hauptwerk: Emile oder über die Erziehung

Johann H. Pestalozzi

1746 bis 1827

Forderung nach ganzheitlicher Volksbildung,

demokratische Erziehung,

Bildung von Geburt an,

Erkennen der Bedeutung von vorschulischer Bildung,

Betonung der Notwendigkeit Dinge selbst tun zu dürfen,

Lernen mit „Kopf, Herz und Hand“

Hauptwerk: Wie Gertrud ihre Kinder lehrt

Friedrich Fröbel

1782 bis 1852

Gilt als Begründer des Kindergartens mit pädagogischem Anspruch,

erkannte (als Schüler Pestalozzis) die Bedeutung der frühen Kindheit,

beschrieb die Bedeutung von Liedern, Fingerspielen und pädagogischen Angeboten,

rief 1842 die ersten Kindergärtnerinnenkurse ins Leben,

1847 wurde der erste deutsche Kindergarten in Lünen eröffnet

Hauptwerke: Die Menschenerziehung, Mutter- und Koselieder

Janusz Korczak

1878 bis 1942

Verfasser des ersten Werkes über Kinderrechte,

Vertrat die Auffassung, dass Kinder mit Respekt zu behandeln und an Entscheidungsprozessen in der Gesellschaft zu beteiligen seien,

entwarf Konzepte zur Funktionsweise einer „Kinderrepublik“

Anmerkung: Als Leiter eines jüdischen Waisenhauses im Warschauer Ghetto begleitete er seine Schützlinge ins Vernichtungslager Treblinka, obwohl er sich hätte retten können. Dort wurde er im August 1942 ermordet.

Hauptwerke: Wie man ein Kind lieben soll, das Recht des Kindes auf Achtung, Die Regeln des Lebens, Fröhliche Pädagogik sowie zahlreiche Kinderbücher

Maria Montessori

1870 bis 1952

setzte sich für Kinder aus sozial schwachen Familien ein und übertrug dafür die Methoden, die sie in ihrer Arbeit mit behinderten Kindern,

forderte pädagogische Einrichtungen für Kinder mit Behinderungen,

etablierte in ihren Einrichtungen Freiarbeit und offenen Unterricht,

leitete ihr pädagogisches Handeln von den Beobachtungen der Kinder ab,

Leitmotiv der Montessori-Methode ist die natürliche Freude des Kindes am Lernen und die Annahme, dass Kinder am besten in ihrem eigenen Rhythmus lernen,

beschrieb eine eigene Entwicklungspsychologie, die aus drei Stadien besteht,

entwickelte eigenes Lernmaterial für Übungen des täglichen Lebens, für die Sinneswahrnehmung, für Mathematik, Sprache und kosmische Erziehung,

von ihr stammt der pädagogische Leitsatz „Hilf mir, es selbst zu tun“ der gleichzeitig auch die Rolle des Erziehers in der Montessori-Pädagogik definiert

Hauptwerke: Selbsttätige Erziehung im frühen Kindesalter, Die Selbsterziehung des Kindes, Über die Bildung des Menschen

Rudolf Steiner

1861 bis 1925

Begründer der Waldorfpädagogik und der Antroposophie,

berücksichtigt die vier Temperamente inseminier Lehre,

gründete die Waldorfrschule, in der beispielweise Eurythmie gelehrt wird und Kunst, Musik und handwerkliche Fächer auf dem Stundenplan stehen,

der Unterricht ist in Epochen gegliedert und erfolgt auch fächerübergreifend,

in der Mittel- und Unterstufe werden keine Noten gegeben

Hauptwerk: insgesamt 42 Schriftbände, mehr als 5000 Vorträge, teilweise noch unveröffentlicht

Célestin Freinet

1896 bis 1966

Grundsätze der Pädagogik Freinets:

freie Persönlichkeitsentfaltung, kritische Reflektion der Umwelt, kindliche Selbstverantwortlichkeit, soziale Kooperation

rief einen Klassenrat ins Leben und forderte die Schüler dazu auf eine Schülerzeitung zu gründen um sich auszudrücken und ihre Arbeitsergebnisse zu dokumentieren, weitere Methoden: Exkursionen, Arbeitsecken, Erstellung individueller Arbeitspläne, Freiarbeit

Hauptwerk: Pädagogische Werke

Alexander S. Neill

1883 bis 1973

Gründer der demokratischen Schule Summerhill (Großbritannien), deren wichtigstes Merkmal bis heute ist, dass der Unterrichtsbesuch keine Pflicht darstellt,

Neills Pädagogik ist beeinflusst von der Psychoanalyse,

er sprach sich für die Möglichkeit der freizügigen Entdeckung der kindlichen Sexualität aus,

Neill glaubte an das uneingeschränkt Gute im Kind – eine Haltung, die heute selbst von liberalen Pädagogen kritisch gesehen wird

Hauptwerke: Selbstverwaltung in der Schule, Erziehung in Summerhill. Das revolutionäre Beispiel einer freien Schule

Peter Petersen

1894 bis 1952

Petersen war einer der ersten Pädagogen, der die Pädagogik als eigenständige Wissenschaft etablieren wollte,

er leitete seine Erkenntnisse von systematischen Beobachtungen von Kindern in ihrem sozialen Umfeld ab,

er führte die akademische Ausbildung der Volksschullehrer ein und gründete mit der Jena-Plan-Schule eine wissenschaftliche Versuchsschule, in der die Schüler ihren Unterricht selbst mithilfe von vorstrukturierten Arbeitsmaterialien und anhand von Wochenplänen gestalten

Hauptwerke: Die Neueuropäische Erziehungsbewegung, Führungslehre des Unterrichts, der große Jena-Plan (3 Bönde), allgemeine Erziehungswissenschaft (3 Bände)




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