Altershomogene Gruppenarbeit Vor und Nachteile Chancen und Perspektiven

Wie alt die Kinder in einer Einrichtung sind ist heute sehr unterschiedlich und variiert nicht nur von Bundesland zu Bundesland, sondern auch von Kita zu Kita. In den meisten Einrichtungen ist die Alterspanne von drei bis sechs Jahren vorherrschend, es gibt aber auch Kindertagesstätten, die eine Altersmischung von zwei bis sechs Jahren oder null bis sechs Jahren praktizieren. Der Gedanke dahinter ist der, dass Kinder unterschiedlichen Alters voneinander lernen. Eine Kita gilt als familienergänzende Einrichtung und in Zeiten, in denen viele Kinder mit keinem oder nur einem Geschwisterkind aufwachsen ist die vorherrschende Meinung, dass sie vor allem im Hinblick auf ihre soziale Entwicklung davon profitieren, wenn sie in ihrer Gruppe sowohl auf Gleichaltrige treffen, als auch auf jüngere und ältere Kinder. Die Frage ist: Können pädagogische Fachkräfte wirklich allen Kindern gleichermaßen gerecht werden, wenn die Altersmischung immer größer wird? Ist eine individuelle Förderung möglich, wenn sowohl Wickelkinder versorgt als auch Kinder im Vorschulalter in ihrer Entwicklung begleitet werden sollen? Und welche Möglichkeiten gibt es, um innerhalb heterogener Gruppen pädagogische Angebote in altershomogenen Kleingruppen zu etablieren?

 

Die Entwicklung der Altersmischung in deutschen Kindertageseinrichtungen

Bis weit in die 80er-Jahre des letzten Jahrhunderts hinein und in ländlichen Gegenden auch noch viel länger war es die Regel, dass Kinder erst mit vier Jahren einen Kindergarten besuchten. Das bedeutet, der Altersunterschied der zu betreuenden Kinder war damals sehr viel geringer als heute. In NRW zum Beispiel hat sich in den letzten Jahren ein Modell durchgesetzt, dass die Betreuung von Kindern im Alter zwischen zwei und sechs Jahren in Regelgruppen vorsieht. Das bedeutet aber auch, dass die Fachkräfte mehr Zeit mit pflegerische Tätigkeiten wie Wickeln und Umziehen verbringen als früher. Diese Zeit fehlt unter Umständen für pädagogische Angebote, die den älteren Kindern zu Gute kommen. Insgesamt hat sich die  Alterstruktur in Kindertageseinrichtungen also in den letzten 20 bis 30 Jahren stark verändert – der Altersdurchschnitt ist stark gesunken, während die Aufgabenvielfalt der pädagogischen Fachkräfte und auch die Bedeutung der vorschulischen Betreuung insgesamt stark zugenommen hat. Es macht einen großen Unterschied, ob ein Kindergarten lediglich eine Betreuungseinrichtung ist oder einen Bildungsauftrag zu erfüllen hat. Kleingruppenarbeit ist jedoch schon lange ein fester Bestandteil der pädagogischen Arbeit in Kindergärten. Vor allem aber sind und waren es die Fünf- und Sechsjährigen, die in den Genuss altershomogener Bildungsangebote kommen. Im Hinblick auf die Schulvorbereitung erscheint das sinnvoll, allerdings gibt es auch viele Pädagogen, die generell für altershomogenere Betreuungsmodelle plädieren. Die ungarische Ärztin und Pädagogin Emmi Pikkler war der Meinung, dass Kinder in Gruppen mit ausschließlich Gleichaltrigen besser lernen und individueller gefördert werden können. Tatsache ist, dass es in Gruppen mit großer Altersmischung schneller zu Konflikten kommen kann und es zu einer Herausforderung werden kann, sowohl die Bedürfnisse der „Kleinen“ (zum Beispiel mehr Ruhe und Geborgenheit, Zeit für liebevolle Pflege, Kuscheleinheiten,…) als auch die der „Großen“ (z.B. Platz zum Forschen, Lernen und Toben, herausforderndes Material wie Werkzeuge, Arbeitsblätter, Bücher, …usw.) gleichermaßen zu berücksichtigen.

Hier findest du eine ausführliche Gegenüberstellung der Argumente für und gegen eine große Altersmischung in der vorschulischen Arbeit. Die Ausführungen des Autors beziehen sich zwar auf eine weite Altersmischung von 0 bis 10 Jahren, einige Pro- und Contra-Argumente treffen jedoch bereits zu, wenn Kinder zwischen 2 und 6 Jahren eine Einrichtung besuchen.

 

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Praxisbeispiel: Altershomogene Kleingruppenarbeit in nach offenem Konzept arbeitenden Einrichtungen

Besonders einfach altershomogene Angebote zu etablieren scheint es in Einrichtungen zu sein, die nach einem offenen Ansatz arbeiten. Das liegt sicherlich daran, dass die Kinder ohnehin keine festen Gruppenstrukturen kennen und sich ganztägig im Haus frei bewegen.

Kleingruppenarbeit sollte idealerweise trotzdem stattfinden – da erscheint es sinnvoll, regelmäßig Angebote für die „Kleinen“, die „Mittleren“ und die „Großen“ zu etablieren. Realistisch ist das ein- bis zweimal wöchentlich an festgelegten Tagen. Bildungsangebote, bei denen nicht das Alter der Kinder, sondern deren Interessen oder deren Förderbedarf im Fokus steht, können darüber hinaus in Form von

 

Perspektiven für die Arbeit in altershomogenen Gruppen in Regeleinrichtungen

 Vielleicht findet in einigen Jahren ein Umdenken statt, was die immer größere Altersmischung in Kindertagesstätten angeht. Im Grunde wäre es schließlich aus pädagogischer Sicht kein Problem Pilotprojekte zu starten und nur Gleichaltrige Kinder in einer Kita-Gruppe zu betreuen. Allerdings dürfte es schwierig sein Träger, Eltern und vielleicht auch die Mitarbeiter zu überzeugen, einen derartigen Versuch zu wagen.

So lange ist es wichtig, dass innerhalb der altersgemischten Gruppen räumliche, zeitliche und personelle Ressourcen geschaffen werden, um regelmäßige Kleingruppenarbeit für Kinder im ähnlichen Alter zu ermöglichen. Das könnten zum Beispiel Vorleseangebote nur für die „Kleinen“ sein, oder ein „Forscher-Club“, der nur aus Vier- und Fünfjährigen besteht – gerade die mittleren Kinder erhalten nämlich oft relativ wenig Aufmerksamkeit im Gruppenalltag, so lange sie kein auffälliges Verhalten zeigen. Aber es ist eben auch das Alter, was für Kinder eine identitätsstiftende Bedeutung hat. Daher sind nicht nur die Vorschulkinder allein, die von auf ihr Alter abgestimmte Angebote profitieren. Auch Zwei- und Dreijährige lernen von einander. Gleichzeitig können die Fachkräfte besser auf die einzelnen Kinder eingehen, weil sie in der Regel zumindest einen ähnlichen Entwicklungsstand haben was Sprache, Konzentrationsfähigkeit und kognitive Kompetenz angeht. So ist es möglich, gezieltere Angebote zu schaffen und möglichst viele Kinder dort abzuholen, wo sie sich aus entwicklungspsychologischer Sicht befinden. Die betreffenden Altersgruppen erfahren eine besondere Wertschätzung und entwickeln im Idealfall ein ganz neues Selbstbewusstsein.

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