Mediennutzung, Medienerziehung und Medienkompetenz im Kindergarten – eine postmoderne pädagogische Herausforderung

 

Sie sind Fluch und Segen zugleich, ihre Nutzung eröffnet Chancen, hält Risiken bereit, der Umgang mit ihnen wird kritisch gesehen und gleichzeitig vorausgesetzt: Die Rede ist von Medien. Anders als die Heranführung an Naturwissenschaften oder die Förderung der Motorik ist Medienerziehung oder die Vermittlung von Medienkompetenz im Kindergarten ein Thema, über das viel diskutiert wird. Eltern, Träger und natürlich auch die Fachkräfte selbst sind oft unsicher, wie Medienerziehung im vorschulischen Bereich aussehen sollte. Fakt ist: Medien gehören zu unserem Leben. Und es gibt keine „guten“ oder „schlechten“ Medien – entscheidend ist lediglich der Umgang mit ihnen und die Fähigkeit zu erkennen, dass Medien sehr viel Macht über den Einzelnen haben können. Das gilt für Kinder ebenso wie für Erwachsene.

 

Welche Medien gibt es und wie beeinflussen sie unser Leben?

 Grundsätzlich werden zwei mediale Darstellungsformen unterscheiden, nämlich Printmedien (Zeitschriften, Zeitungen, Bücher) und technische Medien (Fernsehen, PC, Tablet, Smartphone, CDs usw.). Eine andere Möglichkeit der Definition und Kategorisierung ist die Unterscheidung zwischen digitalen Medien (auch „Neue Medien“) und analogen Medien. Digitale Medien sind Kommunikationsmedien, die auf der digitalen Informations- und Kommunikationstechnik basieren, wie beispielsweise das Internet. Während analoge Medien wie Bücher schon immer in der pädagogischen Arbeit einen wichtigen Stellenwert haben und ganz gezielt beispielsweise für die Sprachförderung eingesetzt werden, wird bei technischen Medien bzw. digitalen Medien oft der kritische Aspekt betont. Das liegt unter anderem daran, dass bei den neuen Medien nur eine bildschirmbezogene Anwendung möglich ist, wie beim Fernsehen auch, denn das Suchtpotenzial ist bei diesen bildschirmbezogenen Anwendungen besonders hoch.Um zu verstehen, wie viel Einfluss digitale Medien auf eine Gesellschaft haben, helfen einige Daten und Fakten:

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  • Im Jahr 2017 nutzen 62,4 Millionen Deutsche das Internet – das entspricht einem Anteil von 90 Prozent
  • Im Durchschnitt nutzten 2017 die Deutschen das Internet täglich rund zweieinhalb Stunden
  • Der Anteil der Smartphone-Nutzer lag 2017 bei 81 Prozent, 47 Prozent der Deutschen nutzte ein Tablet
  • Die durchschnittliche Fernsehdauer beträgt aktuell bei den Deutschen über drei Jahren 227 Minuten, also deutlich mehr als drei Stunden
  • Zwischen 90 und 100 Prozent der Drei- bis Sechsjährigen dürfen fernsehen, 25 bis 40 Prozent dieser Altersgruppe beschäftigt sich mit einem Smartphone und/oder Tablet und nutzt einen PC/Laptop
  • Viele Eltern von Kindern unter sechs Jahren glauben, dass ihr Kind bereits einmal oder mehrmals negative Erfahrung durch die Mediennutzung machen musste, zum Beispiel durch Gewaltdarstellungen, beängstigende Inhalte oder durch eine vulgäre Sprache
  • 18 Prozent der Jugendlichen in Deutschland wurden schon einmal Opfer von Cybermobbing
  • Immer mehr Jugendliche sind onlinesüchtig, darunter mehr Mädchen als Jungen. Letztere entwickeln häufiger eine Sucht nach Spielen auf dem PC oder Tablet

Quellen:

http://www.ard-zdf-onlinestudie.de/files/2017/Artikel/Kern-Ergebnisse_ARDZDF-Onlinestudie_2017.pdf

https://de.statista.com/statistik/daten/studie/161914/umfrage/anteil-der-smartphone-und-tablet-besitzer-in-deutschland/

https://de.statista.com/statistik/daten/studie/2913/umfrage/fernsehkonsum-der-deutschen-in-minuten-nach-altersgruppen/

https://de.statista.com/themen/3122/cybermobbing

http://www.deutschlandfunk.de/studie-fast-300-000-jugendliche-sind-internetsuechtig.1783.de.html?dram:article_id=378082

 

Weitere aktuelle Daten zum Thema Kinder und Mediennutzung findest du in dieser aktuellen und sehr ausführlichen Zusammenfassung von statistischen Daten und Befragungen:

http://www.br-online.de/jugend/izi/deutsch/Grunddaten_Kinder_u_Medien.pdf

 

Was ist Medienerziehung? Thema Medien im Kindergarten

Medienerziehung oder Medienpädagogik ist eine Teilwissenschaft der Pädagogik, die erst seit relativ kurzer Zeit in den Fokus des Interesses gerückt ist. In einer hochtechnologisierten Welt, in denen digitale Medien eine immer größere Rolle im Leben der Menschen und insbesondere auch in der Kommunikation von Kindern und Jugendlichen spielen, gewinnt die Medienpädagogik immer mehr an Bedeutung.

Die Aufgaben der Medienerziehung sind vielseitig und beinhalten:

  • die Beschäftigung mit unterschiedlichen Medien und deren Bedeutung für Bildung, Beruf und Freizeitaktivitäten,
  • die Untersuchung von Aufgaben und Funktionen der Medien in einer Gesellschaft,
  • den Umgang der Menschen mit Medien,
  • die Analyse der Wirkung von Medien,
  • die Entwicklung von Konzepten für den sinnvollen und verantwortungsvollen Einsatz in der Pädagogik,
  • die Erarbeitung von Zielen im Hinblick auf die Medienpädagogik
 

Medien und Medienerziehung im Kindergarten? Pro und Contra

Kinder kommen immer früher mit Medien in Kontakt – das zeigt nicht nur die Statistik, sondern es entspricht auch den Erfahrungen, die pädagogische Fachkräfte in der Praxis machen. Die meisten Zweijährigen sind heute in der Lage ein Smartphone zu bedienen, schauen regelmäßig Fern und wissen, dass es ein Internet gibt. Ist es dann wirklich notwendig, dass sie sich im Kindergarten auch noch mit Medien beschäftigen? Sollten nicht gerade Kinder, die zu Hause ständig vor dem Fernseher sitzen in der Kita lernen wie viel Spaß es macht in der Turnhalle zu toben, zu basteln und mit anderen Kindern gemeinsam die reale Welt zu entdecken? Und ist es nicht sinnvoll, dass sich die Kleinen im Kindergarten lediglich mit vermeintlich „ungefährlichen“ analogen Medien wie Büchern beschäftigen? Abgesehen davon, dass eine Unterscheidung in „gute“ und „schlechte“ Medien wie oben bereits erwähnt keine zufrieden stellende Lösung sein kann, weil dieser eindimensionale Ansatz der Komplexität des Themas nicht gerecht wird, spielen Medien im Kita-Alltag längst eine wichtige Rolle. In jeder Einrichtung werden heute Computer genutzt und alltägliche Lernszenarien auf Fotos festgehalten. Unsere Gesellschaft nutzt Medien selbstverständlich und profitiert von ihnen- Sie zu verteufeln oder so zu tun, als gäbe es sie nicht, wäre aus pädagogischer Sicht unsinnig. Allerdings ist der Umgang mit Medien altersabhängig. Jüngere Leute nutzen Smartphones, Tablet und Suchmaschinen selbstverständlich, ältere haben teilweise noch Berührungsängste. Dieser „Generationenkonflikt“ zeigt sich natürlich auch beim Kita-Personal, wenn es um den Umgang mit der Thematik geht. Jüngere Kolleginnen und Kollegen haben diesbezüglich oft einen anderen Standpunkt als ältere. Inzwischen hat sich in den meisten Bundesländern und auch in den einzelnen Einrichtungen aber die Ansicht durchgesetzt, dass die Vermittlung von Medienkompetenz eine wichtige pädagogische Aufgabe ist, welche durch den Bildungs- und Erziehungsauftrag der Kindertagesstätten ausreichend begründet wird.


Im „Bayerischen Bildungs- und Erziehungsplan“ heißt es dazu:

„Medienkompetenz ist heute unabdingbar, um am politischen, kulturellen und sozialen Leben in der Informationsgesellschaft zu partizipieren und es souverän und aktiv mitzugestalten. Medienkompetenz bedeutet bewussten, kritisch-relexiven, sachgerechten, selbstbestimmten und verantwortlichen Umgang mit Medien.“

(Quelle: https://www.ifp.bayern.de/imperia/md/content/stmas/ifp/bildungsplan_7._auflage.pdf)

 Wann Kinder gezielt den Umgang mit Medien lernen sollen ist jedoch eine kontrovers diskutierte Frage. Während die meisten Entwicklungspsychologen und Pädagogen als geeignetes Einstiegsalter für die PC-Nutzung acht bis zehn Jahre nennen, plädieren Medienexperten dafür schon Kindergartenkinder mit dem Umgang mit Medien vertäut zu machen.

 Fakt ist: Es schadet keinem Kind zu lernen wie ein Computer funktioniert. Und auch die gezielte Nutzung von Medien in Zusammenhang mit kreativen Angeboten und Projekten (z.B. Fotodokumentationen, die Produktion einer CD mit  Liedern, eine kleine „Filmproduktion“ usw.) bietet sicherlich aus pädagogischer Sicht viele Vorteile. Aber Medienkompetenz beinhaltet aber mehr als reines technisches Know-How. Es geht auch um unangenehme  oder sogar gefährliche Begleiterscheinungen wie Suchtverhalten, die Konfrontation mit jugendgefährdenden Inhalten, Cybermobbing und Hasskommentare oder das Problem Informationen aus dem Internet angemessen zu filtern und zu bewerten. In diesem Zusammenhang sprechen Experten oft von dem Begriff der „Medienmündigkeit“, also von der Fähigkeit, den eigenen Medienkonsum kritisch zu hinterfragen und dafür zu sorgen, dass das Individuum die Medien beherrscht – und nicht umgekehrt. Wenn man davon ausgeht, dass ein Mensch komplexe kognitive, emotionale und soziale Fähigkeiten braucht, um Medienkompetenz zu erlangen, so ist klar, dass im Elementarbereich nur ein kleiner Beitrag dazu geleistet werden kann. Es ist also keine leichte Entscheidung, ob und inwieweit im Kindergarten mit Medien gearbeitet soll. Und auch die Umsetzung von Projekten mit dem Ziel, die Medienkompetenz bei Kindern zu stärken ist für viele Fachkräfte nicht leicht. Praxisideen, weitere Hintergrundinformationen sowie statistische Daten zu dem Thema findest du in dem Fachartikel „Kleine Kinder und Bildschirmmedien“ von Paula Bleckmann, herausgegeben vom Portal KiTa Fachtexte.

 

Welche Ziele verfolgt die Medienerziehung im Kindergarten?

Ausgehend also von der Tatsache, dass Kleinkinder und Kinder im Kindergartenalter einerseits nur begrenzt Zugang zu Bildschirmmedien haben sollten und zudem entwicklungsbedingt noch keine Medienmündigkeit erreichen können: Welche Ziele lassen sich durch Medienerziehung im Kindergarten erreichen? Grundsätzlich gilt es zunächst zu unterscheiden, ob die Medienerziehung oder die Mediendidaktik im Fokus der Arbeit mit Medien im Kindergarten stehen sollen. Beide Begriffe werden oft verwechselt. Wenn der technische Umgang mit Medien erlernt werden soll um diese für andere pädagogische Zwecke einzusetzen, so entspricht das der Mediendidaktik. Medienerziehung hingegen zielt darauf ab, dass Kinder Medienkompetenz und später Medienmündigkeit erlangen.

 

Davon abgesehen sind im Hinblick auf die Medienerziehung folgende Zielsetzungen wichtig:

  1. Wissensvermittlung im Hinblick auf Medien, deren Einsatz, Einfluss und Auswirkungen
  2. Aufklärung über Medien, um mögliche Gefahren und negative Aspekte zu erkennen
  3. Unter Berücksichtigung des Alters und des Entwicklungsstandes von Kindern Erziehung zu einer kritisch-hinterfragenden Haltung zu Medien, Mediennutzung und Inhalten
  4. Die Befähigung der Kinder, eigenständig und kreativ mit Medien umzugehen

 

Wie kann Medienpädagogik im Kindergarten gelingen?

Medienarbeit, Medienprojekte oder einfach nur der gezielte Einsatz von Medien im Kindergarten – egal wie dieser Bildungsbereich umgesetzt werden soll, eine akribische Auseinandersetzung mit dem Thema ist eine wichtige Grundlage. Daher ist es zunächst wichtig, dass sich das Team aktiv darüber austauscht. Unter anderem sollte geklärt werden, ob und wie Bildschirmmedien für die pädagogische Arbeit eingesetzt werden können.

Weitere Fragen in dem Zusammenhang:

 

  • Welche Medien nutzen die einzelnen Teammitglieder?
  • Wird der eigene Medienkonsum kritisch reflektiert?
  • Gibt im Hinblick auf den Umgang mit Medien generationsbedingte Unterschiede zwischen den Mitarbeitern?
  • Welche positiven und negativen Erfahrungen wurden im Hinblick auf die Nutzung von Medien gemacht?
  • Welche Verhaltensweisen  beobachten die Teammitglieder bei den Kindern, die in einem direkten Zusammenhang mit Medienkonsum stehen (könnten)?
  • Haben sich bereits Eltern zu dem Thema geäußert?
  • Hat ein Teammitglied vielleicht schon wie Fort- oder Weiterbildung zu dem Thema besucht und kann den Kolleginnen und Kollegen wertvolle Tipps geben? 

Wenn geklärt ist, dass medienpädagogische und/oder mediendidaktische Angebote bzw. Projekte umgesetzt werden sollen, so sollten auf jeden Fall auch die Eltern miteinbeziehen werden. Gerade wenn es um die Prävention von Suchtverhalten und anderen negativen Auswirkungen von Medienkonsum geht ist es wichtig eng mit den Eltern zusammenzuarbeiten. Auch ein themenbezogener Elternabend, möglicherweise geleitet von einem externen Experten, bietet sich aufgrund der Komplexität des Themas an.

Zahlreiche Ideen für die Umsetzung von Projekten und Angeboten, sowie Definitionen, Hintergrundinformationen und Tipps zum Thema „Medien und Medienpädagogik im Kindergarten“ findest du auf der übersichtlich und professionell gestalteten Seite vom Medienkindergarten Wien.

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