Eingewöhnung in der Krippe

Für jedes Kind ist es ein einschneidendes Erlebnis, wenn es nicht mehr allein durch seine Eltern, sondern auch mehrere Stunden am Tag in der Krippe oder im Kindergarten betreut wird. Die Eingewöhnung in Krippe oder Kindergarten ist ein Prozess, der planvoll und sensibel ablaufen sollte, damit das Kind sich in der neuen Umgebung wohl fühlen kann und neben Mama und Papa auch dich als Fachkraft als neue Bezugsperson akzeptiert.
 

Damit Eingewöhnungen gelingen, ist es wichtig sie so zu gestalten, dass das Kind sich nicht mit der neuen Situation überfordert fühlt und jederzeit weiß, wie und wo es Hilfestellungen bekommt um sich zu beruhigen. Denn gerade Kleinkinder erleben die Trennung von Eltern zunächst als starke emotionale Belastung. Umgekehrt brauchen aber auch viele Eltern Unterstützung dabei, ihr Kind für eine mehr oder weniger kurze Zeitspanne „loszulassen“ und fremd betreuen zu lassen.
 

Zu einer guten Eingewöhnung gehört daher, diesen Übergang für Kinder und Eltern strukturiert aber vor allem bedürfnisorientiert und individuell zu gestalten. In Deutschland laufen die Eingewöhnungen in der Krippe und im Kindergarten meist nach zwei gängigen Modelle ab, nämlich nach dem „Berliner Modell“ und dem „Münchener Modell“.
 

Das Berliner Eingewöhnungsmodell und seine Umsetzung

 

Worauf basiert das Berliner Eingewöhnungsmodell?

  • Entwickelt vom Institut für angewandte Sozialisationsforschung/ frühe Kindheit e.V., kurz „infans“
  • Wichtigste theoretische Grundlage ist die Bindungstheorie nach John Bowlby
  • Dauer der Eingewöhnung in der Regel insgesamt: zwei bis vier Wochen
  • Der Fokus liegt auf dem Verhalten und der Reaktion des Kindes
  • In den ersten Tagen wird das Kind von einer vertrauten Bezugsperson begleitet
  • Kind, Bezugsperson und Pädagoge bilden ein Beziehungsdreieck

Außerdem wurde beim Berliner Eingewöhnungsmodell das Ergebnis mehrerer Studien berücksichtig die zeigen, dass nicht oder nur teilweise eingewöhnte Kinder längere Zeit erkranken und teilweise auch Entwicklungsrückstände zeigten. Auch ihr Bindungsverhalten wurde negativ beeinflusst.

Die wichtigsten Elemente des Berliner Eingewöhnungsmodells  

Das Berliner Eingewöhnungsmodell ist in verschiedene Phasen unterteilt:

  1. Information der Eltern:

Als erstes wird ein Gespräch mit den Eltern vereinbart. Dies dient dem gegenseitigen Kennenlernen, der Information der Eltern über die Einrichtung und den Ablauf der Eingewöhnung aber auch dem Austausch über das Kind (Interessen, Allergien, weitere Themen).

  1. Dreitägige Grundphase:

Während dieser Zeit halten Bezugsperson und Kind sich gemeinsam in der Einrichtung auf. Die Bezugsperson haltet sich im Hintergrund, ist aber stets präsent und ermutigt das Kind, auf andere Kinder zuzugehen oder sich mit dem vorhandenen Spielmaterial zu beschäftigen. Währenddessen versucht die pädagogische Fachkraft ihrerseits mit den Kind Kontakt aufzunehmen. Das Wickeln wird von der Bezugsperson übernommen.

  1. Der erste Trennungsversuch:

Die Bezugsperson verabschiedet sich am 4. Tag vom Kind und verlässt den Raum, bleibt aber in der Einrichtung. Lässt sich das Kind daraufhin schnell beruhigen und ablenken, kann die erste Trennung bis zu 30 Minuten dauern. Weint das Kind hingegen länger, wird die Mutter nach einigen Minuten zurückgeholt. Meist lässt sich von der Reaktion des Kindes auf die erste Trennung ableiten, wie lange die Eingewöhnungszeit ungefähr dauert. 

  1. Stabilisierungsphase:

Nach der Grundphase folgt mit dem fünften oder sechsten Eingewöhnungstag diese Phase. Die Fachkraft übernimmt zunehmend auch die Pflegeroutinen wie das Wickeln. Die Trennungsdauer wird langsam ausgedehnt. Akzeptiert das Kind die Trennung hingegen noch nicht, erfolgt der nächste Trennungsversuch erst zwei bis drei Tage später.

  1. Schlussphase:

Die Bezugsperson verlässt die Einrichtung, ist jedoch immer telefonisch erreichbar. Die meisten Kinder schaffen es in dieser Phase, mehrere Stunden in der Einrichtung zu verbringen. Bis das Kind ein starkes Explorationsbedürfnis zeigt und sich beispielsweise selbstständig im Gruppenraum bewegt kann es noch eine Zeit lang dauern. 
 

Die Grundlagen des Münchener Eingewöhnungsmodells

 

  • Entstehung in den 90er-Jahren und danach stetige Weiterentwicklung
  • Fokus liegt auf dem Kind
  • Bild vom Kind ist geprägt von der Reggiopädagogik (das Kind ist von Geburt an ein soziales und kompetentes Wesen, welches den Eingewöhnungsprozess aktiv steuert)

Die Phasen des Münchner Eingewöhnungsmodells

Das Münchner Modell besteht aus 5 Phasen, die aufeinander aufbauen:

  1. Vorbereitungsphase

Diese Phase dient dazu, die Eingewöhnung zu planen. Außerdem lernen sich Eltern und Fachkraft kennen und tauschen sich über das Kind aus. Meist wird ein Erstgespräch durchgeführt.

  1. Kennenlernphase

Für eine ca. Woche findet keine Trennung statt, aber Eltern und Kind nehmen aktiv am Gruppengeschehen teil. Das Kind wird eingeladen mitzuspielen, darf aber selbst bestimmen ob es sich schon lösen möchte oder nicht. Auch in der zweiten Woche bleibt die Bezugsperson für das Kind präsent. Die Fachkraft nimmt nun aber gezielt Kontakt auf und übernimmt Aufgaben, die zuvor noch die Eltern wahrgenommen haben. Wichtig ist, dass zunehmend auch die anderen Kinder in den Eingewöhnungsprozess mit einbezogen werden. 

  1. Sicherheitsphase

Die Bezugsperson ist in dieser Zeit weiterhin mit dem Kind gemeinsam in der Gruppe. Die Fachkraft wird in dieser Phase in pflegerische Tätigkeiten, wie dem Wickeln mit einbezogen. Auch kannst du nun aktiv auf das Kind zugehen und ihm Spielangebote machen, die sich an den Vorlieben des Kindes orientieren.

  1. Vertrauensphase

Das Kind gewöhnt sich langsam an dem täglichen pädagogischen Ablauf. Die Bezugsperson sollte sich jetzt zurücknehmen und den Raum für die Fachkraft öffnet. Du solltest als Fachkraft darauf achten, dass bei der Verabschiedung der Bezugsperson heftige Emotionen zugelassen werden. Das Kind sollte die Gelegenheit haben, mit seinen Gefühlen umzugehen.

  1. Auswertungs- und Reflektionsphase

In dieser Phase hast du die Gelegenheit in einem Abschlussgespräch den Eingewöhnungsprozess zu reflektiert. Gewonnene Erkenntnisse für die Einrichtung und die Eltern werden notiert und für den weiteren Entwicklungsweg des Kindes vermerkt.
     

Der Unterschied zwischen Münchener Eingewöhnungsmodell und Berliner Eingewöhnungsmodell

 

Der Unterschied zwischen beiden Modellen besteht in der Rolle des Kindes während der Eingewöhnung. Im Münchener Modell ist das Kind aktiver Gestalter des Eingewöhnungsprozesses – das Kind „gewöhnt sich ein“. Im Berliner Modell wird das Kind eher als passiver Bestandteil des Prozesses gesehen – das Kind „wird eingewöhnt“.

Das Münchner Eingewöhnungsmodell ist zeitaufwändiger als das Berliner Modell.

Beide Modelle basieren weitgehend auf der Forschung von Prof. Dr. Kuno Emanuel Beller (1919 - 2010), der das Berliner Modell der Kleinkindpädagogik entwickelte und das Institut für Kleinkindpädagogik an der Freien Universität Berlin aufbaute.
 

Wann muss eine Eingewöhnung abgebrochen werden? 

 

Eine Eingewöhnung gilt als abgeschlossen, wenn sich das Kind nach der Trennung relativ schnell von der Fachkraft beruhigen lässt. In der Praxis zeigt sich oft, dass dies bei manchen Kindern auch nach mehreren Wochen nicht der Fall ist. Hier solltest du dich mit den Eltern zusammensetzen und gemeinsam nach Gründen und Lösungsansätzen suchen. In solchen Fällen muss die Eingewöhnung jedoch nicht sofort abgebrochen werden.

Erst wenn du merkst, dass kein Beziehungsdreieck entstehen kann, solltest du die Eingewöhnung beenden und vielleicht zu einem späteren Zeitpunkt wieder von neuem Starten.

Grund hierfür könnte sein, dass die Bezugsperson innerlich nicht bereit ist, ihr Kind fremd betreuen zu lassen und auch kein Vertrauen zu der Fachkraft aufbauen kann. Kinder spüren die Unsicherheit der Bezugsperson und können sich somit auch schwer trennen.

Auch sollte eine Eingewöhnung abgebrochen werden wenn äußere Einflüsse wie plötzliche gravierende Veränderung im sozialen Umfeld das Kind besonders beeinflussen. 
 

Nutze unseren Dokumentationsbogen für den Eingewöhnungsprozess

 

Eingewöhnung Krippe und Kita Dokumentationsbogen

Der praktische (kostenlose) Dokumentationsbogen für den Eingewöhnungsprozess  hilft dir den Eingewöhnungsprozess über die verschiedenen Phasen – von der Anmeldung bis zur Refexion – zu dokumentieren. Die editierbare PDF-Vorlage kannst du am PC oder auch per Hand ausfüllen.

 

Die 9 besten Tipps ( für Erzieher) für die Eingewöhnung

 

Am Besten du orientierst dich bei einer Eingewöhnung an einem der beiden Modelle, da diese sich in der Praxis bewährt haben. Folgende Tipps können dir ebenfalls helfen, damit die Eingewöhnung gut gelingen kann.

  1. Eltern informieren und mit einbeziehen

Der Ablauf der Eingewöhnung sollte in der pädagogischen Konzeption, auf der Homepage der Einrichtung oder vorab auf einem Elternabend thematisiert werden. Die Eltern haben dadurch die Möglichkeit sich vor Anmeldung bereits über den Ablauf der Eingewöhnung zu informieren. Dies spart dir Zeit, aber auch unnötige Diskussion. Auch können sich die Eltern vorab entscheiden, ob sie diesen Weg mit euch gehen und ob diese Methode für sie stimmig ist.

  1. Konstante Elternarbeit

Vor der Eingewöhnung kannst du mit den Eltern ein Eingewöhnungsvorgespräch führen um den Ablauf zu klären und auf womögliche Befürchtungen und Bedenken der Eltern einzugehen. So kannst du von Anfang an eine vertrauensvolle Erziehungspartnerschaft aufbauen. Sinnvoll sind auch regelmäßige kurze Feedback-Gespräche während der Eingewöhnung.

  1. Zeitpunkt der Eingewöhnung sinnvoll wählen

Plane gemeinsam mit den Eltern den Startzeitpunkt. Achte dabei darauf, dass Unterbrechungen wie Schließzeiten der Einrichtung oder Urlaub der Eltern während der Eingewöhnung vermieden werden. Auch sollte eine Kontinuität im sozialen Umfeld (falls ein Umzug stattfindet starte mit der Eingewöhnung nicht während dessen) gegeben sein. Ein geeigneter Tag für den Start ist der Montag.

  1. Bezugspersonen bestimmen

Im Idealfall sollte möglichst nur ein Elternteil das Kind während der Eingewöhnungsphase begleiten. Dies ist jedoch in der Praxis nicht immer durchführbar. Tausche dich vorab gut mit den Eltern aus um so viel Kontinuität wie möglich einzuhalten. Wichtig ist, dass mit dem Kind viel gesprochen wird und ihm die Schritte und die Planung zu erklären.

  1. Nicht zu viele Kinder gleichzeitig eingewöhnen

Wenn du von Seiten des Trägers oder der Leitung mehrere Kinder gleichzeitig eingewöhnen solltest achte darauf, dass es nicht mehr als 2 Kinder parallel sind. Gute Möglichkeiten sind, dass Kinder zeitversetzt eingewöhnt werden. Beispielsweise ein Kind vormittags und ein Kind nachmittags oder aber am Anfang des Monats und die anderen erst Mitte des Monats.

  1. Dauer der Eingewöhnung berücksichtigen

Auch wenn das Kind am ersten Tag bereits „Tschüss“ zur der Bezugsperson sagen würde überstürze nichts. Gerade Kindergartenkinder realisieren erst später, was es für sie bedeutet nun Vormittags von den Eltern getrennt zu sein. Halte dich somit ungefähr an die Wochen wie in den beiden Modellen beschrieben, bevor du wieder von vorne beginnen musst. Erkläre das auch den Eltern, die hier häufig mit Unverständnis reagieren.

  1. Rituale etablieren

Rituale geben den Kindern Sicherheit. Dies kann ein Übergangsobjekt wie ein bekannter Schnuller oder das Lieblingskuscheltier sein. Auch eignen sich Kinderparten, Lieder oder der gemeinsame Tischspruch als Orientierung. Empfehle den Eltern, dass sie das ein oder andere Kindergartenritual auch zu Hause einführen.

  1. Bezugsbetreuer

Eine Fachkraft sollte die Hauptverantwortung für eine Eingewöhnung tragen, aber es gilt, die Vorlieben der Kinder zu berücksichtigen. Auch die Kleinen suchen sich häufig ihre Bezugsperson selbst aus. Wenn ihr innerhalb des Teams beschlossen habt, dass du die Hauptverantwortung für die Eingewöhnung hast, das Kind aber die Nähe deiner Kollegin sucht halte das Kind nicht davon ab. Du kannst dennoch die Elterngespräche führen.

  1. Eingewöhnung dokumentieren

Der Eingewöhnungsprozess sollte von dir dokumentiert werden. Hierzu kannst du z.B unser  erstelltes Formular verwenden oder den Portfolio-Ordner, den du zusammen mit dem Kind anlegst. Es kann ein Tagebuch erstellt werden, das an die Familie ausgeteilt wird. Hier dokumentierst du als Fachkraft sowie auch die Eltern die Fortschritte, Veränderungen zu Hause, offene Fragen, das weitere Vorgehen usw.

Fazit: Auch wenn du dich an all die theoretischen Vorgaben und Tipps hältst, kann es jedoch immer wieder vor kommen, das die Eingewöhnung im vollen Gange ist und das Kind dann erkrankt. Hier muss oft eine Wiedereingewöhnung erfolgen. Zeit ist in diesem Fall ein wichtiger Faktor. Je nach Kind und emotionaler Verfassung sollten sich die Sorgeberechtigten Zeit nehmen, um die neue Situation bestmöglich zu meistern.

Auch sollten beide beschriebene Modelle sollten nicht als „Rezept“ verstanden werden. Jede Eingewöhnung verläuft ganz individuell und wird von zahlreichen Faktoren beeinflusst. Die Eingewöhnung gilt als abgeschlossen wenn das Kind auch ohne dich als Bezugsperson seine Umgebung erkundet und mit allen Fachkräften und Kindern kommuniziert.

Quellen:

Winner, Anna (2015): Das Münchener Eingewöhnungsmodell – Theorie und Praxis der Gestaltung des Übergangs von der Familie.
Erschienen auf der Seite www.kita-fachtexte.de

 

Braukhane, Katja und Knobeloch, Janina (2011): Das Berliner Eingewöhnungsmodell – Theoretische Grundlagen und praktische Umsetzung.
Erschienen auf der Seite www.kita-fachtexte.de

Bild: shutterstock_2118883376

 

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