Eingewöhnungsmodelle und ihre Bedeutung für die pädagogische Praxis: Das Berliner und das Münchener Eingewöhnungsmodell im Vergleich

Für jedes Kind ist es ein einschneidendes Erlebnis, wenn es nicht mehr allein durch seine Eltern, sondern auch mehrere Stunden am Tag in der Krippe, im Kindergarten oder bei einer Tagesmutter betreut wird. Die Eingewöhnung in Krippe oder Kindergarten ist ein Prozess, der planvoll und sensibel auflaufen sollte, damit das Kind sich in der neuen Umgebung wohl fühlen kann und neben Mama und Papa auch seine Erzieherin als neue Bezugsperson akzeptiert.

In diesem Zusammenhang spielen die Begriffe „Transition“ und „Bindung“ eine große Rolle. Transitionen bezeichnen Übergänge im Leben eines Kindes, die seine Entwicklung und Persönlichkeitsbildung maßgeblich beeinflussen. Neben dem Übergang von einer reinen Betreuung im Elternhaus zu einer temporären Betreuung in Krippe oder Kita durch zunächst fremde Personen ist unter anderem der Wechsel vom Kindergarten in die Grundschule ein wichtiger Transitionsprozess im Leben eines Kindes.

Damit Transitionen gelingen können, ist es wichtig Eingewöhnungen so zu gestalten, dass das Kind sich nicht mit der neuen Situation überfordert fühlt und jederzeit weiß, wie und wo es Hilfestellungen bekommt um sich zu beruhigen. Denn gerade Kleinkinder unter drei Jahren sind noch sehr eng an ihre Eltern gebunden und erleben die Trennung von ihnen zunächst als starke emotionale Belastung. Umgekehrt brauchen aber auch viele Eltern Unterstützung dabei, ihr Kind für eine mehr oder weniger kurze Zeitspanne „loszulassen“ und fremdbetreuen zu lassen. Das gilt in besonderem Maße für Krippenkinder, denn nicht alle Mütter und Väter lassen ihre Kinder freiwillig institutionell betreuen. Häufig steckt die finanzielle Notwendigkeit dahinter, besonders bei Alleinerziehenden.

Daher ist es wichtig, die Eingewöhnung für Kinder und Eltern strukturiert und andererseits bedürfnisorientiert zu gestalten. Im Fokus steht das Kind und die Bemphung der pädagogischen Fachkräfte, um seinetwillen eine vertrauensvolle Erziehungspartnerschaft zu den Eltern aufzubauen. In der pädagogischen Praxis haben sich in den letzten Jahren zwei Eingewöhnungsmodelle durchgesetzt, nämlich das „Münchener Eingewöhnungsmodell“ und das „Berliner Eingewöhnungsmodell“. Beide wurden in erster Linie für Kinder unter drei Jahren entwickelt, dennoch arbeiten auch viele Kindergärten danach, manchmal in abgewandelter Form. Bei beiden Modellen geht es darum, dem Kind ausreichend Zeit zu geben um sich an den neuen Tagesablauf, andere Bezugspersonen, die vielen anderen Kinder und die fremde Umgebung zu gewöhnen. Auch die vielen neuen Regeln und Reize, die auf das Kind einwirken, machen den den Eingewöhnungsprozess zu einer Herausforderung für Kinder, Eltern und pädagogische Fachkräfte in Krippen, Kindergärten oder in der Großtagespflege.

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Das Berliner Eingewöhnungsmodell und seine Umsetzung

 

Worauf basiert das Berliner Eingewöhnungsmodell?

 

Das Berliner Eingewöhnungsmodell wurde vom Institut für angewandte Sozialisationsforschung/ frühe Kindheit e.V., kurz „infans“ entwickelt. Wichtigste theoretische Grundlage ist die Bindungstheorie nach John Bowlby. Die Eingewöhnung dauert insgesamt ein bis drei Wochen, wobei die individuelle Dauer einer Eingewöhnung immer das Kind selbst durch sein Verhalten und seine Reaktionen bestimmt.

Außerdem wurde im Berliner Eingewöhnungsmodell das Ergebnis mehrerer Studien berücksichtig die zeigen, dass nicht oder nur teilweise eingewöhnte Kinder längere Zeit erkranken und teilweise auch Entwicklungsrückstände zeigten. Auch ihr Bindungsverhalten wurde negativ beeinflusst.

 

Grundlagen und Ziele der Eingewöhnung nach dem Berliner Modell

 

Während des Eingewöhnungsprozesses sollen die Kinder zunächst mit Unterstützung ihrer Eltern den Tagesablauf in der jeweiligen Einrichtung kennenlernen, außerdem die dortigen Regeln, Rituale, räumlichen Möglichkeiten, aber auch die Kinder und die Erzieher als zukünftige Bezugspersonen. Ziel ist es, dass das Kind zu letzteren eine Beziehung aufbaut die so tragfähig ist, dass es den pädagogischen Fachkräften ermöglicht das Kind zu beruhigen und zu trösten, wenn es Kummer oder Schmerzen hat. Das Kind hingegen weiß, dass es sich vertrauensvoll an seine Erzieher wenden kann, wenn es Hilfe braucht.

Für die Eltern bietet die Eingewöhnungsphase die Möglichkeit, sich ein eigenes Bild von der pädagogischen Arbeit in der jeweiligen Einrichtung zu machen. Diese Transparenz in Kombination mit der Möglichkeit, sich immer wieder mit den Erziehern über das Kind, sein Verhalten und seine Entwicklung austauschen zu können bildet die Basis eine vertrauensvollen Bildungs- und Erziehungspartnerschaft.

 

Die wichtigsten Elemente des Berliner Eingewöhnungsmodells

 

Insgesamt besteht das Berliner Modell aus sechs Phasen. Zunächst werden die Eltern persönlich über den Verlauf der Eingewöhnung informiert. Im Idealfall erhalten Sie die Informationen zusätzlich auch in schriftlicher Form. Wichtig ist, dass zwei bis vier Wochen für die Eingewöhnung eingeplant werden. In diese Zeit sollte kein Urlaub und auch keine anderen Veränderungen wie ein Umzug fallen. Um sich besser auf das einzugewöhnende Kind einstellen zu können, geben viele Einrichtungen den Eltern Fragebögen mit nach Hause. Darin sollen beispielsweise Informationen über den sprachlichen Entwicklungsstand, über das Schlafverhalten oder über tröstende Rituale notiert werden.

Die Eingewöhnungszeit startet mit der dreitägigen Grundphase. Während dieser Zeit halten Mutter bzw. Vater und Kind sich gemeinsam in der Einrichtung auf. Die Eltern fungieren als „sicherer Hafen“. Das bedeutet, sie halten sich im Hintergrund und ermuntern ihr Kind, auf andere Kinder zuzugehen oder sich mit dem vorhandenen Spielmaterial zu beschäftigen. Sie sind aber immer präsent, wenn das Kind Kontakt sucht. Währenddessen versucht die pädagogische Fachkraft ihrerseits mit den Kind Kontakt aufzunehmen, zum Beispiel verbal durch Ansprache aber auch durch Spielangebote. Das Wickeln übernimmt aber noch die Mutter bzw. der Vater, allerdings beobachtet die Erzieherin die Interaktion zwischen beiden genau.

Am vierten Tag wird in der Regel der erste Trennungsversuch gestartet. Die Bezugsperson verabschiedet sich vom Kind und verlässt den Raum, bleibt aber in der Einrichtung. Lässt sich das Kind daraufhin schnell beruhigen und ablenken, kann die erste Trennung bis zu 30 Minuten dauern. Weint das Kind hingegen länger, wird die Mutter nach einigen Minuten zurückgeholt. Meist lässt sich von der Reaktion des Kindes auf die erste Trennung ableiten, wie lange die Eingewöhnungszeit ungefähr dauert. Sicher gebundenen Kindern fällt die Trennung schwerer, sie benötigen zwei bis drei Wochen, unsicher gebundene Kinder dagegen häufig nur ein bis zwei Wochen. Natürlich spielt auch das Alter und der (sprachliche) Entwicklungsstand eine entscheidend Rolle.

Auf die Grundphase folgt die sogenannte Stabilisierungsphase, die mit dem fünften oder sechsten Eingewöhnungstag beginnt. Die Fachkraft übernimmt zunehmend auch die Pflegeroutinen wie das Wickeln oder Füttern und die Trennungsdauer wird langsam ausgedehnt. Akzeptiert das Kind die Trennung hingegen noch nicht, erfolgt der nächste Trennungsversuch erst zwei bis drei Tage später, jedoch nie an einem Montag. Die Eingewöhnung ist abgeschlossen, wenn sich das Kind nach der Trennung relativ schnell von der Fachkraft beruhigen lässt. Ist das auch nach drei Wochen nicht der Fall, sollten Eltern und Fachkraft zusammensetzen und gemeinsam nach Gründen und Lösungsansätzen suchen.

In der Schlussphase bleibt die Bezugsperson während der Trennung nicht mehr in der Einrichtung, sie sollte jedoch immer telefonisch erreichbar sein. Die meisten Kinder schaffen es in dieser Phase, mehrere Stunden in der Einrichtung zu verbringen, wobei Experten raten die Kleinen zunächst nicht länger als den Vormittag über dort bereuen zu lassen, da es gerade für Kleinkinder sehr anstrengen ist sich an den neuen Rhythmus zu gewöhnen. Bis das Kind ein starkes Explorationsbedürfnis zeigt und sich beispielsweise selbstständig im Gruppenraum bewegt kann es noch eine Zeit lang dauern. Viele Kleinkinder sind zunächst noch sehr auf ihre Bezugserzieherin fixiert.

Rahmenbedingungen und Durchführung des Münchener Eingewöhnungsmodells

 

Was sind die Grundlagen des Münchener Eingewöhnungsmodells?

 

Das Münchener Eingewöhnungsmodell entstand in den 90er-Jahren und wurde immer wieder weiterentwickelt. Es ist noch kindzentrierter als das Berliner Modell und zeitlich auch etwas aufwändiger, was in der Praxis zu organisatorischen Problemen führen kann. Beeinflusst ist das Münchener Modell durch die Reggiopädagogik und die Annahme, dass das Kind von Geburt an ein soziales und kompetentes Wesen, welches den Eingewöhnungsprozess aktiv steuert.

Neben sozialpädagogischen Erkenntnissen fließen auch ökopsychologische und entwicklungspsychologische Ansätze in das Modell ein, wobei der Transitionsforschung in diesem Zusammenhang eine besondere Bedeutung zukommt. Denn Übergänge stellen nicht nur das Kind selbst vor große Herausforderungen, sondern auch die Eltern, die einerseits selbst mit der Trennung ihres Kindes zu kämpfen haben, den Ablösungsprozess aber andererseits unterstützen wollen und müssen. Werden Transitionen erfolgreich bewältigt, weil Kinder ausreichend Zeit und Unterstützung erhalten, geht das Kind gestärkt daraus hervor und wird vermutlich auch folgende Übergänge gut meistern.

 

Die Phasen des Berliner Eingewöhnungsmodells

 

Das Berliner Modell besteht aus vier Phasen, die aufeinander aufbauen:

  • Vorbereitungsphase

  • Kennenlernphase

  • Sicherheitsphase

  • Vertrauensphase und

  • Auswertungs- und Reflektionsphase.

 

Die Vorbereitungsphase dient dazu, die Eingewöhnung zu planen. Außerdem lernen sich Eltern und Fachkraft kennen – sie tauschen sich über das Kind aus. Meist wird ein Erstgespräch durchgeführt, indem auch geklärt wird, ob das Kind Trennungen bereits kennt, zum Beispiel weil es hin und wieder bei den Großeltern übernachtet.

Die Kennenlernphase dauert eine Woche. In dieser Zeit findet keine Trennung statt, aber Eltern und Kind nehmen aktiv am Gruppengeschehen teil. Das Kind wird eingeladen mitzuspielen, darf aber selbst bestimmen ob es sich schon lösen möchte oder nicht. Auch in der zweiten Woche bleibt die Bezugsperson für das Kind präsent. Die Erzieherin nimmt nun aber gezielt Kontakt auf und übernimmt Aufgaben, die zuvor noch die Eltern wahrgenommen haben, wie beispielsweise Hilfe beim Essen, beim Anziehen usw. Wichtig ist, dass zunehmend auch die anderen Kinder in den Eingewöhnungsprozess mit einbezogen werden, denn Kinder lernen viel in der Interaktion mit Gleichaltrigen.

Nach zwei Wochen beginnen die einzugewöhnenden Kinder Vertrauen zu entwickeln und Abläufe zu verinnerlichen. Das gilt im übrigen auch für deren Eltern die jetzt bereit sein sollten, ihr Kind für eine gewisse Zeit „loszulassen“. Sie verabschieden sich und erklären ihrem Kind, warum sie gehen und dass sie gleich wieder kommen. Wenn das Kind sich nach dem Weggang von Mutter oder Vater beruhigt und sich eigenen Tätigkeiten widmet, ist die Eingewöhnung abgeschlossen. Oft brauchen Kinder aber noch Zeit und dann sollten weitere Trennungsversuche erst einige Tage später erfolgen, bis das Kind sicher ist, dass seine Bedürfnisse ernst genommen werden.

 

Praktische Überlegungen zu den beiden Eingewöhnungsmodellen

 

  • Beide Eingewöhnungsmodelle sind in erster Linie für Kinder unter drei Jahren ausgelegt, können aber teilweise auch für ältere Kinder genutzt werden.

  • Beide Modelle sind nicht als „Rezept“ zu verstehen. Jede Eingewöhnung verläuft ganz individuell und wird von zahlreichen Faktoren beeinflusst wie dem Alter und dem Entwicklungsstand des Kindes, von bereits vorhandenen Trennungserfahrungen, den zeitlichen Ressourcen der Eltern (viele müssen schnell wieder arbeiten oder jüngere Geschwister betreuen) und natürlich von den Rahmenbedingungen der jeweiligen Einrichtung. Hier gilt es flexibel zu reagieren und situationsorientierte und konstruktive Lösungen zu finden.

  • In Kindergärten ist es zeitlich in der Regel nicht möglich, ein Kind nach dem anderen einzugewöhnen.

  • Es macht Sinn, wenn eine Erzieherin die Hauptverantwortung für eine Eingewöhnung bekommt, aber es gilt, die Vorlieben der Kinder zu berücksichtigen. Auch die Kleinen suchen sich häufig ihre Bezugsperson selbst aus.

  • Es sollte möglichst nur ein Elternteil das Kind konstant während der Eingewöhnungsphase begleiten.

  • Krankheiten und Wochenenden können die Eingewöhnung verlängern.

  • Gerade Kindergartenkinder realisieren erst nach der Eingewöhnung, was es für sie bedeutet nun Vormittags von den Eltern getrennt zu sein. Es kommt zu Rückschlägen, die Kinder sind müde, weinerlich und schnell überfordert – es braucht häufig mehrere Monate bis eine Eingewöhnungsphase wirklich als abgeschlossen bezeichnet werden kann

Quellen:

Winner, Anna (2015): Das Münchener Eingewöhnungsmodell – Theorie und Praxis der Gestaltung des Übergangs von der Familie.

Erschienen auf der Seite www.kita-fachtexte.de

 

Braukhane, Katja und Knobeloch, Janina (2011): Das Berliner Eingewöhnungsmodell – Theoretische Grundlagen und praktische Umsetzung.

Erschienen auf der Seite www.kita-fachtexte.de

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