Welche grundlegenden Werte sollten pädagogische Fachkräfte für die Herzensbildung vermitteln?


Der amerikanische Psychologe Daniel Goleman   hat dies in seiner Theorie der Emotionalen Intelligenz gut zusammen gefasst. Sie basiert auf diesen fünf Bausteinen:
1. Eigene Emotionen kennenlernen
2. Eigene Emotionen handhaben
3. Emotionen in die Tat umsetzen
4. Empathie entwickeln
5. soziale Kompetenz erwerben

Was ist mit Herzensbildung gemeint?

Der zeitgemäße Ausdruck für Herzensbildung ist emotionale Intelligenz. Er macht deutlich: Nicht angehäuftes Wissen ist das ausschließliche Gütekriterium für einen gebildeten Menschen. Er braucht darüber hinaus Schlüsselqualifikationen aus dem Reich des Herzens, der Emotionalität und der Menschenkenntnis. Fühlen und Denken können nicht getrennt werden, wie aktuelle Erkenntnisse der Hirnforschung belegen. Dies zu erkennen und bei der Erziehungsarbeit umzusetzen, gehört für Eltern und Pädagogen zu den in der heutigen Zeit wichtigsten Aufgaben.

Warum ist die Herzensbildung so wichtig?

Weil es um die Entwicklung der Persönlichkeit im Hinblick auf mitmenschliche Qualitäten geht. Herzensbildung erfährt in unserem schnelllebigen Jahrzehnt eine wahre Renaissance. Die faktische Wissensvermittlung erledigen nun die Medien viel schneller und ansprechender. Aber um für die Zukunft gewappnet zu sein, braucht es heute mehr denn je Teamfähigkeit, Konfliktmanagement, Frustrationstoleranz und soziale Kompetenz.
Daher sollten wir Pädagogen uns auf unsere eigentliche Aufgabe besinnen: auf eine ganzheitliche Erziehung mit Kopf, Herz und Hand.

Welche Effekte hat die Herzensbildung auf das Verhalten der Kinder?

Aus vielen Studien wissen wir, dass Kinder und Jugendliche mit hoher emotionaler Intelligenz über ein stabiles Selbstwertgefühl verfügen. Sie haben Strategien zur Problemlösung gelernt. Sie kennen Alternativen zu Drogen und Gewalt, um sich selbst zu spüren – ihren Körper und ihre Psyche. Ein Kind, das gelernt hat, mit den eigenen Gefühlen und denen seiner Mitmenschen umzugehen, vermag sein geistiges Potenzial voll auszuschöpfen, ohne zum Spielball seiner Emotionen zu werden. So formuliert das Kind gegen Ende des zweiten Lebensjahres die für seine Ich-Entwicklung so entscheidenden Worte „ich“ und „mein“, „du“ und „dein“. Ein Beispiel: Im Sandkasten sitzen sich zwei Kleinkinder gegenüber. Beide würden gern mit dem Bagger spielen. Der kleine Besitzer nimmt das Spielzeug an sich und sagt „meins!“. Mit Hilfe von Mama oder Papa werden dann ein Tausch oder ein gemeinsames Spiel vereinbart: Eine Herausforderung, die das Kind in Zukunft umso besser meistert, je mehr solche Situationen im Alltag eingeübt wurden. Es lernt mehr und mehr, sein Handeln auf die Perspektive eines anderen Menschen abzustimmen. Dies ist das Fundament für eine erfolgreiche Kontaktaufnahme und Kommunikation.
Jedes Kind muss im Laufe seines emotionalen Reifungsprozesses lernen, seine Wünsche auch mal aufzuschieben. Die Kunst der Zurückhaltung ist ein wichtiger Indikator für ein erfolgreiches Leben. Die Fähigkeit, Impulse zu kontrollieren, ist auch für die Entwicklung eines Wertesystems entscheidend. Denn Werte haben mit Zielen zu tun und damit, dass man in der Lage ist, etwas zu lassen, um etwas anderes zu tun. Eltern und Pädagogen sollten also nicht alle Konflikte vermeiden und den Kindern nicht jeden Wunsch von den Augen ablesen. Nur so lernen sie eine Befriedigung aufzuschieben und sich sozialverträglich zu verhalten.

In welchen Alltagssituationen kann man Kindern Wertschätzung entgegenbringen?

So z. B. können Angst, Wut und Traurigkeit unser Denken und Handeln lähmen und unser Leistungsvermögen beeinträchtigen. Kinder lernen aber durch das Vorbild der Eltern, damit umzugehen. Wenn ein Kind Angst empfindet, sollte es mit jemandem darüber reden und auf Hilfe und Schutz bauen können. Ein liebevolles Gespräch bewirkt hier Wunder: „Wovor hast du Angst? Was können wir dagegen tun?“ Eltern sollten ihrem Kind genügend Zeit und Raum geben, seine Gefühle zu entladen. Wichtig ist, immer gut zuzuhören und einfühlsam zu reagieren, wenn mal etwas schief geht. Kinder brauchen bei Missgeschicken positive Bestärkung, etwa: „Nicht schlimm, das ist mir auch schon mal passiert!“ Sie benötigen vor allem nach massiven Gefühlsausbrüchen, zum Beispiel einem Weinkrampf oder Wutfanfall, den Beistand von Mutter und Vater. Nur so können Eltern und Kind gemeinsam herausfinden, was falsch gelaufen ist und welche Alternativen möglich gewesen wären. Eltern sollten auch Schmollfallen erkennen. Das Kind kämpft nämlich zuweilen mit falschen Mitteln um Beachtung. Dazu gehören die Wutanfälle des Trotzalters. Hier ist klares Verhalten wichtig: „Ich hab dich lieb und möchte dir helfen. Wenn du weißt, was du willst, dann findest du mich in der Küche.“

Welche Tipps zur Förderung der Herzensbildung können Sie uns geben?

1. Leiten Sie das Kind nicht nur zu fürsorglichem Umgang mit Tieren und Pflanzen, sondern auch mit Gegenständen an. Vermeiden Sie eine ‚Kaputt –
und – weg – Mentalität’. Denn die Wertschätzung des Menschen beginnt mit der Achtung vor den kleinen Dingen des Alltags.

2. Jeder noch so große Streit sollte vor dem Schlafengehen oder beim Abschied vor dem Kindergarten- oder Schultor geschlichtet sein: „Über den Ärger heute Morgen reden wir noch in Ruhe. Aber jetzt wünsche ich dir einen schönen Tag. Ich habe dich lieb.“

3. Sprechen Sie über Ihre Gefühle und die anderer Mitmenschen. Konfrontieren Sie das Kind mit der Gefühlswelt der Erwachsenen. So lernt es allmählich, sich in andere hinein zu denken und zu fühlen.

4. Respektieren Sie alle Gefühle des Kindes – aber nicht grenzenlos. Führen Sie bestimmte Regeln ein, an die sich alle in der Familie halten sollten. Beispiel: Wir lassen einander immer ausreden, und wir schreien uns nicht an.

5. Hören Sie Ihrem Kind zu und zeigen Sie Interesse an seiner Gefühlswelt. Lehren Sie es, bei jedem Menschen genauer hinzuhören und hinzusehen, um Vorurteile zu vermeiden.

6. Erweitern Sie den Empathiehorizont Ihres Kindes: „Was glaubst du, wie sich das Kind fühlt, wenn es seinen Teddy verloren hat? Kannst du ihm helfen?“ Lesen Sie ihm einfühlsame Geschichten über Freud und Leid anderer Menschen vor. Ermuntern Sie es zu Rollenspielen, in denen es mimisch, sprachlich und emotional in verschiedene Rollen schlüpfen kann. Aber denken Sie auch daran, dass weder Buch noch Film die real gelebte Anteilnahme zu ersetzen vermag.

Literatur
Charmaine Liebertz:
- Spiele zur Herzensbildung.  Emotionale Intelligenz und soziales Lernen. BurckhardtHausVerlag, München 2014

- Das Schatzbuch der Herzensbildung. Grundlagen, Methoden und Spiele zur emotionalen Intelligenz. Don Bosco Verlag, 9. Auflage 2016
Bitte Abbildung des Buches einsetzen

Autorin
Dr. Charmaine Liebertz, Erziehungswissenschaftlerin, Lehrerin Sekundarstufe I; wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Köln (Heilpäd.)und der Deutschen Welle (Fernsehredaktion Bildung und Kultur). Leitet seit 1996 die zertifizierte Gesellschaft für Ganzheitliches Lernen e.V.  und hält europaweit Vorträge. Sie ist Autorin von zahlreichen pädagogischen Fachbüchern.


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