Zwei Kinder entwickeln beim gemeinsamen Bauen mit Holzbausteinen kreative Lösungen und stärken ihre Kooperationsfähigkeit durch Ko-Konstruktion

 

Warum lernen manche Kinder besonders intensiv voneinander und mit Erwachsenen? Die Antwort liegt häufig in ko-konstruktiven Bildungsprozessen. Ko-Konstruktion zählt zu den zentralen Bildungsprinzipien der frühkindlichen Pädagogik und beschreibt, wie Kinder und Fachkräfte gemeinsam Wissen, Verständnis und Lösungen entwickeln.
Ein Kind baut einen Turm. Dieser stürzt ein. Statt sofort eine Lösung vorzugeben, regt die pädagogische Fachkraft die Kinder dazu an, eigene Vermutungen zu entwickeln und gemeinsam nach Antworten zu suchen. Die Kinder tauschen ihre Ideen aus, reflektieren ihre Erfahrungen und probieren neue Wege aus.
Genau hier wird Ko-Konstruktion sichtbar: Lernen entsteht nicht durch reine Wissensvermittlung, sondern durch gemeinsames Denken, Forschen und Handeln. Kinder und Fachkräfte setzen sich gemeinsam mit Fragen auseinander, entwickeln Ideen weiter und gewinnen neue Erkenntnisse.
In diesem Artikel erfährst du, was Ko-Konstruktion in der Kita bedeutet, auf welchen theoretischen Grundlagen sie basiert und wie sie im pädagogischen Alltag umgesetzt werden kann.

 

Das Wichtigste in Kürze

 

  • Ko-Konstruktion ist eine pädagogische Grundhaltung, bei der Kinder und  du als Fachkraft Wissen und Verständnis gemeinsam entwickeln.
  • Bildungsprozesse entstehen durch Dialog, gemeinsames Nachdenken und das Aushandeln von Bedeutungen.
  • Die theoretischen Grundlagen finden sich unter anderem bei Lev Vygotski und Jerome Bruner.
  • Ko-Konstruktion kann in alltäglichen Situationen, im Freispiel sowie in Projekten umgesetzt werden.
  • Kinder werden in ihrer kognitiven, sprachlichen und sozial-emotionalen Entwicklung gleichermaßen gefördert.

 

Was Ko-Konstruktion bedeutet – und was sie nicht ist


Ko-Konstruktion beschreibt einen Lernprozess, bei dem zwei oder mehr Personen ihr Wissen, ihre Erfahrungen und ihre Perspektiven einbringen, um gemeinsam Verständnis aufzubauen. Dabei werden Gedanken ausgetauscht, hinterfragt und weiterentwickelt. Lernen wird als sozialer Prozess verstanden, der durch Interaktion und Dialog entsteht.

 

Ko-Konstruktion vs. Transmission: Die  größten Unterschiede


Im Gegensatz zur Ko-Konstruktion steht das sogenannte Transmissionsmodell. Dieses geht davon aus, dass Wissen von einer Person auf eine andere übertragen wird. Du als Fachkraft erklärst, das Kind hört zu und übernimmt die Informationen.


Ko-Konstruktion verfolgt einen anderen Ansatz. Hier steht nicht die Weitergabe von Wissen im Vordergrund, sondern die gemeinsame Entwicklung von Erkenntnissen. Kinder werden als aktive Mitgestalter ihrer Bildungsprozesse betrachtet.


Die wichtigsten Unterschiede lassen sich wie folgt zusammenfassen:


Transmissionsmodell

  • Wissen wird vermittelt.
  • Du als Fachkraft erklärst und gibst Informationen weiter.
  • Das Kind nimmt Wissen auf.
  • Lernen erfolgt überwiegend rezeptiv.


Ko-Konstruktion

  • Wissen wird gemeinsam entwickelt.
  • Du als Fachkraft begleitest Lernprozesse durch Fragen und Impulse.
  • Das Kind beteiligt sich aktiv am Denk- und Lernprozess.
  • Lernen entsteht durch Dialog, Reflexion und gemeinsame Problemlösung.
     

Wichtig: Dies bedeutet jedoch nicht, dass Erklärungen im pädagogischen Alltag grundsätzlich vermieden werden sollen. Vielmehr richtet sich der Blick zunächst auf die Vorstellungen, Erfahrungen und Fragen der Kinder. Auf dieser Grundlage können gemeinsame Bildungsprozesse entstehen.

 

Die theoretischen Grundlagen 


Die theoretischen Grundlagen der Ko-Konstruktion basieren insbesondere auf den Arbeiten von Lev Vygotski und Jerome Bruner.

 
Vygotski beschreibt mit der Zone der proximalen Entwicklung (auch Zone der nächsten Entwicklung) den Bereich zwischen dem, was ein Kind bereits selbstständig bewältigen kann, und dem, was es mit Unterstützung durch kompetentere Personen erreichen kann. Ko-konstruktive Bildungsprozesse setzen genau in diesem Entwicklungsbereich an. Du als Fachkraft unterstützt das Kind dabei, neue Kompetenzen zu entwickeln und sein Verständnis schrittweise zu erweitern.
Jerome Bruner griff diesen Gedanken mit dem Konzept des Scaffolding auf. Darunter versteht man ein unterstützendes Gerüst, das die Fachkraft dem Kind zur Verfügung stellt. Diese Unterstützung orientiert sich am individuellen Entwicklungsstand des Kindes und wird schrittweise zurückgenommen, sobald eigenständiges Handeln möglich ist.


Ein weiterer wichtiger Forschungsansatz ist das Sustained Shared Thinking. Darunter werden gemeinsame Denk- und Problemlösungsprozesse zwischen Kindern und Erwachsenen verstanden. Beide Seiten bringen ihre Ideen ein, reflektieren gemeinsam und entwickeln neue Lösungsansätze. Solche Interaktionen gelten als wesentliches Merkmal qualitativ hochwertiger pädagogischer Arbeit.


Gut zu wissen: Ko-Konstruktion greift zentrale Gedanken der Reggio-Pädagogik auf. auf. Kinder werden dabei als kompetente und aktive Mitgestalter ihrer Bildungs- und Entwicklungsprozesse verstanden.

 

Kind und pädagogische Fachkraft bauen gemeinsam mit Holzbausteinen und fördern durch Ko-Konstruktion Problemlösekompetenz und Zusammenarbeit



Beispiel aus der Praxis: Wie Ko-Konstruktion die kindliche Entwicklung fördert


Praxisbeispiel aus dem Kita-Alltag: Zwei Kinder sitzen gemeinsam am Tisch und gestalten eine Figur aus Knete. Ihr Ziel ist, dass die Figur selbstständig stehen kann. Nachdem der erste Versuch misslingt und die Figur umfällt, tauschen die Kinder ihre Beobachtungen aus, überlegen gemeinsam mögliche Lösungen und probieren neue Ideen aus. Schließlich verändern sie die Form der Beine – mit Erfolg: Die Figur bleibt stehen.

 
Was ist in dieser Situation passiert?

  • Kognitive Entwicklung: Die Kinder analysieren das Problem, entwickeln Lösungsansätze und überprüfen diese gemeinsam. Dadurch werden Denkprozesse angeregt und Problemlösekompetenzen gefördert.
     
  • Sozial-emotionale Entwicklung: Beide Kinder bringen ihre Ideen ein, hören einander zu und entwickeln gemeinsam eine Lösung. Dadurch werden Perspektivübernahme, Kooperationsfähigkeit und gegenseitige Wertschätzung gefördert. Mehr dazu findest du im Artikel zur sozial-emotionalen Entwicklung bei Kindern.
     
  • Sprachliche Entwicklung: Die Kinder tauschen ihre Beobachtungen und Ideen aus, begründen Vorschläge und reagieren aufeinander. Dadurch werden Wortschatz, Kommunikationsfähigkeit und sprachliches Denken gefördert.
     
  • Selbstwirksamkeit und Resilienz: Die Kinder erleben, dass Rückschläge zum Lernprozess gehören. Durch gemeinsames Nachdenken und Ausprobieren finden sie eine Lösung und stärken so ihr Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Mehr zu diesem Thema findest du in unserem Artikel zur Resilienzförderung in der Kita.


Ko-Konstruktion im pädagogischen Alltag – das 3-Räume-Modell


Raum 1: Ko-Konstruktion im Dialog


Viele ko-konstruktive Bildungsprozesse entstehen im Gespräch. Kinder stellen Fragen, äußern Vermutungen oder berichten von ihren Erfahrungen. Durch offene Fragen regst du sie dazu an, eigene Ideen zu entwickeln und Zusammenhänge zu erkennen.

 

Raum 2: Ko-Konstruktion im Freispiel


Im Freispiel entstehen viele Gelegenheiten für gemeinsames Lernen. Kinder planen, bauen, experimentieren und lösen Konflikte. Du begleitest diese Prozesse durch Fragen und Impulse, ohne das Spiel zu bestimmen.


Tipp: Dokumentiere regelmäßig ko-konstruktive Momente. So werden Interessen, Denkwege und Lernprozesse der Kinder sichtbar. Der Beobachtungsbogen für Krippe und Kita bietet dir dafür einen guten Rahmen.


Raum 3: Ko-Konstruktion in Projekten


Projektarbeit in der Kita bietet einen besonders geeigneten Rahmen für Ko-Konstruktion. Ausgehend von den Interessen der Kinder werden Themen erforscht, Fragen entwickelt und Lösungen gesucht. Du strukturierst den Prozess und begleitest die Kinder auf ihrem Lernweg.

 

Die Rolle der Fachkraft im ko-konstruktiven Bildungsprozess 


Ein häufiges Missverständnis besteht darin, Ko-Konstruktion mit einem vollständigen Rückzug der Fachkraft gleichzusetzen. Tatsächlich übernimmt die pädagogische Fachkraft eine aktive Rolle im Bildungsprozess.


Sie beobachtet, hört zu, stellt Fragen, greift Ideen auf und unterstützt Kinder dabei, ihre Gedanken weiterzuentwickeln. Ziel ist nicht die Vermittlung fertiger Antworten, sondern die Begleitung gemeinsamer Denk- und Lernprozesse.


Dabei darf die Fachkraft eigene Vermutungen einbringen, gemeinsam mit den Kindern nach Lösungen suchen und auch Unsicherheiten zulassen. Aussagen wie „Das weiß ich noch nicht genau – wie könnten wir das herausfinden?“ eröffnen neue Lerngelegenheiten und fördern eine forschende Haltung.


Das FRAG-Prinzip 


Zur Orientierung im pädagogischen Alltag kann das FRAG-Prinzip hilfreich sein:


F – Fragen statt vorschnell erklären
Offene Fragen regen zum Weiterdenken an.

R – Raum zum Nachdenken geben
Kinder benötigen Zeit für ihre Antworten.

A – An den Interessen der Kinder anknüpfen
Lernen beginnt bei den Themen der Kinder.

G – Gemeinsam weiterdenken
Du begleitest Denkprozesse aktiv.
 

Ko-Konstruktion und Partizipation


Ko-Konstruktion steht in enger Verbindung zur Partizipation in der Kita. Während Partizipation Kindern Mitbestimmung im Alltag ermöglicht, beteiligt Ko-Konstruktion sie aktiv an Bildungs- und Lernprozessen.


Beide Ansätze basieren auf einer pädagogische Grundhaltung, die Kinder als kompetente, aktive und selbstbestimmte Mitgestalter ihrer Entwicklung versteht. Kinder werden mit ihren Interessen, Ideen und Perspektiven ernst genommen und als gleichwertige Partner in Bildungsprozessen betrachtet.


Diese Haltung prägt das pädagogische Handeln im Alltag und bildet die Grundlage für eine wertschätzende, dialogische und ressourcenorientierte Begleitung von Kindern.

 

Dein Ko-Konstruktions-Check


Die folgenden Fragen können Fachkräften dabei helfen, das eigene pädagogische Handeln zu reflektieren:

  • Kann ich Ko-Konstruktion erklären?
  •  Nutze ich offene Fragen?
  • Gebe ich Kindern Zeit zum Nachdenken?
  • Teilen wir im Team ein gemeinsames Verständnis von Ko-Konstruktion?


Häufige Fragen zu Ko-Konstruktion in der Kita


 

Was bedeutet Ko-Konstruktion in der Kita?

Ko-Konstruktion bedeutet, dass Kinder und pädagogische Fachkräfte Wissen und Verständnis gemeinsam entwickeln. Lernen entsteht dabei durch Dialog, gemeinsames Denken und gegenseitigen Austausch. 

Was ist der Unterschied zu Transmission?

Beim Transmissionsmodell gibt die Erzieherin Wissen weiter. Bei Ko-Konstruktion entsteht Verstehen gemeinsam, in einem echten Dialog, in dem beide etwas einbringen und beide etwas lernen.

Funktioniert Ko-Konstruktion auch mit U3-Kindern?

Ja. Bei sehr kleinen Kindern ist Ko-Konstruktion oft nonverbal: gemeinsames Untersuchen eines Gegenstands, geteilte Aufmerksamkeit, Reagieren auf das, was das Kind zeigt. Der Dialog läuft über Blicke, Gesten und Handlungen.

Wie erkenne ich, ob ich gerade ko-konstruktiv handle?

Eine einfache Frage: Habe ich in den letzten fünf Minuten mehr erklärt oder mehr gefragt? Wenn du vor allem erklärt hast, war es eher Transmission. Wenn du gefragt und zugehört hast, war es Ko-Konstruktion.

Passt Ko-Konstruktion zu allen pädagogischen Konzepten?

Ko-Konstruktion ist kein Konzept im Sinne von Montessori oder Waldorf, sondern eine pädagogische Haltung. Sie lässt sich mit dem Situationsansatz, mit Reggio, mit offenem Konzept verbinden. Die Grundlage ist immer dieselbe: das Kind als kompetenten Mitdenker ernst nehmen.
Merke: Ko-Konstruktion bedeutet nicht, Kindern Antworten zu geben, sondern gemeinsam mit ihnen Fragen zu entwickeln und Lösungen zu entdecken.

Welche Herausforderungen gibt es bei der Umsetzung von Ko-Konstruktion?

Ko-Konstruktion erfordert Zeit, Aufmerksamkeit und eine dialogische Haltung. Im Kita-Alltag können Zeitdruck, große Gruppen oder feste Routinen dazu führen, dass Fachkräfte häufiger erklären, statt gemeinsam mit den Kindern nach Lösungen zu suchen. Auch ein unterschiedliches Verständnis von Ko-Konstruktion im Team kann die Umsetzung erschweren. Regelmäßige Reflexion und ein gemeinsames pädagogisches Verständnis helfen dabei, ko-konstruktive Bildungsprozesse nachhaltig

Wie wird der Erfolg der Ko-Konstruktion in der Kita sichtbar?

Gelungene Ko-Konstruktion zeigt sich daran, dass Kinder eigene Ideen entwickeln, Fragen stellen, gemeinsam nach Lösungen suchen und ihre Gedanken begründen. Sie hören einander zu, greifen die Ideen anderer auf und entwickeln diese weiter. Pädagogische Fachkräfte können solche Lernprozesse durch gezielte Beobachtung und Bildungsdokumentation sichtbar machen. Entscheidend ist dabei nicht das fertige Ergebnis, sondern der gemeinsame Denk- und Lernprozess.


 


Passt Ko-Konstruktion zu allen pädagogischen Konzepten? Ko-Konstruktion ist kein Konzept im Sinne von Montessori oder Waldorf, sondern eine pädagogische Haltung. Sie lässt sich mit dem Situationsansatz, mit Reggio, mit offenem Konzept verbinden. Die Grundlage ist immer dieselbe: das Kind als kompetenten Mitdenker ernst nehmen.
Merke: Ko-Konstruktion bedeutet nicht, Kindern Antworten zu geben, sondern gemeinsam mit ihnen Fragen zu entwickeln und Lösungen zu entdecken.

 

Fazit


Ko-Konstruktion ist eine pädagogische Grundhaltung, die Kinder als aktive Mitgestalter ihrer Bildungsprozesse versteht. Sie fördert gemeinsames Denken, Dialog und Problemlösung und schafft damit wichtige Voraussetzungen für nachhaltige Bildungsprozesse in der Kita.
 

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