wütender Junge


Das Wichtigste zuerst:

 

  • „Verhaltensauffälligkeiten“ sind keine festen Diagnosen, sondern Abweichungen von Erwartungen und Ausdruck von Bedürfnissen.
  • Manche Verhaltensweisen sind entwicklungsbedingt und verschwinden mit zunehmender Reife wieder.
  • Man unterscheidet internalisierende (nach innen gerichtete) und externalisierende (nach außen gerichtete) Auffälligkeiten.
  • Die Bewertung von Verhalten ist subjektiv und abhängig von gesellschaftlichen Normen, die sich im Laufe der Zeit verändern.
  • Das Normalisierungsprinzip fordert, Kindern trotz Auffälligkeiten möglichst normale Lebensbedingungen zu ermöglichen und bei der Bewertung von Verhalten den Spannbreite des „Normalen“ möglichst weit zu fassen
  • Handlungsstrategien für Erzieher*innen reichen von klaren Strukturen bis zu gezielten Angeboten für Sicherheit, Sprache und Emotionsregulation.
     

Kinder verhalten sich nicht immer so, wie Erwachsene es erwarten – und das ist auch völlig normal. Doch manchmal zeigen sie über längere Zeit Verhaltensweisen, die im Kita-Alltag besonders herausstechen und für dich als Erzieherin herausfordernd sein können. Fachlich spricht man dann oft von „Verhaltensauffälligkeiten“. Dieser Ausdruck sollte jedoch kritisch hinterfraget werden: Er ist ein Sammelbegriff für Verhaltensweisen, die eine Abweichung von Normen und Erwartungen darstellen. Vorschnelle „Diagnosen“, die Ärzten vorbehalten sind, solltest du vermeiden. Aufgabe von pädagogischen Fachkräften ist es, Verhalten nicht vorschnell zu bewerten, sondern als Hinweis auf Bedürfnisse, Belastungen oder Entwicklungsaufgaben zu verstehen.


Was bedeutet eigentlich „Verhaltensauffälligkeit“?
 

Der Begriff „Verhaltensauffälligkeit“ bezeichnet Verhaltensweisen, die deutlich vom altersgemäßen und sozial erwarteten Verhalten abweichen und im Alltag wiederholt auffallen. Wichtig: Es handelt sich nicht um eine medizinische Diagnose, sondern um eine pädagogische Zuschreibung, die immer subjektiv geprägt ist.

  • Subjektivität: Ob ein Verhalten auffällig erscheint, hängt stark von den Beobachter*innen, der jeweiligen Gruppe und den gesellschaftlichen Normen ab.
  • Normabhängigkeit: Normen sind wandelbar. Ein Verhalten, das früher als „ungezogen“ galt, wird heute vielleicht als entwicklungsbedingt oder als Hinweis auf ADHS gesehen.
  • Entwicklungsbedingtheit: Manche Auffälligkeiten treten nur in bestimmten Entwicklungsphasen auf, z. B. Beißen im Kleinkindalter, wenn sprachliche Ausdrucksmöglichkeiten noch fehlen.


Internalisierende und externalisierende Auffälligkeiten

 

  • Internalisierende Verhaltensauffälligkeiten: Das Kind richtet Probleme nach innen. Typisch sind Rückzug, Ängste, Unsicherheit oder psychosomatische Beschwerden. Diese Kinder fallen weniger auf, da sie „leise“ sind.
  • Externalisierende Verhaltensauffälligkeiten: Hier werden Verhaltensweisen nach außen sichtbar, z. B. Aggression, Hyperaktivität oder Regelverstöße. Sie stören eher den Gruppenablauf und werden schneller als problematisch wahrgenommen.
    Beide Formen sind gleichermaßen bedeutsam und erfordern pädagogische Aufmerksamkeit.


Das Normalisierungsprinzip


Ein wichtiges heilpädagogisches Leitprinzip ist das Normalisierungsprinzip. Es besagt, dass Kinder – unabhängig von Auffälligkeiten oder Beeinträchtigungen – das Recht auf eine möglichst normale Lebensführung haben. Sinnvoll ist es, den Rahmen des „Normalen“ groß zu fassen – wie Leben in einer offenen, diversen, pluralistischen Gesellschaft.


Für die Kita-Praxis heißt das:

  • Kinder sollen nicht ausgegrenzt, sondern selbstverständlich in den Alltag einbezogen werden.
  • Maßnahmen sollen Teilhabe fördern, statt Unterschiede zu verstärken.
  • Ziel ist nicht, Kinder „anzupassen“, sondern Bedingungen so zu gestalten, dass jedes Kind sein Potenzial entfalten kann.
  • Es ist oft schwer abzuwägen, wann ein Verhalten auffällig, alarmierend oder vielleicht sogar krankheitsbedingt ist. Wichtig ist in diesem Zusammenhang das Kind – wenn es unter seinem eigenen Verhalten leidet, wenn es nur aneckt und sich aufgrund seines Verhaltens nicht weiterentwickeln kann, dann ist es Zeit zu handeln.

 
Wichtig: Für dich als Erzieher*in bedeutet das: „Auffälliges“ Verhalten darf nicht zu Stigmatisierung führen! Vielmehr ist es ein Signal, deinen Blick auf die Bedürfnisse des Kindes richten.


Die 12 häufigsten Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern – mit Handlungsstrategien
 

1. Aggressives Verhalten


Merkmale: Schlagen, Beißen, Treten oder Beschimpfen. Gerade bei Kleinkindern kann Beißen eine entwicklungsbedingte Ausdrucksform sein, wenn Worte fehlen. Bei älteren Kindern ist es häufiger ein Zeichen von Frustration oder Überforderung.
Handlungsstrategie: Setze klare Grenzen, bleib ruhig und biete alternative Ausdrucksmöglichkeiten (z. B. Bewegung, Knete, Malen). Sprich nach der Situation mit dem Kind über Gefühle und Lösungen.


2. Rückzug und soziale Isolation
 

Merkmale: Kinder spielen kaum mit anderen, wirken still, meiden Blickkontakt oder verweigern Aktivitäten. Ursache können Schüchternheit, Ängste oder Überlastung sein.
Handlungsstrategie: Biete sichere Kleingruppen- oder Partnerangebote, lobe vorsichtige Kontaktaufnahme und zwinge das Kind nicht zu großen Gruppenaktionen. Vertrauen entsteht langsam.


3. Hyperaktivität
 

Merkmale: Zappeln, motorische Unruhe, Schwierigkeiten beim Stillhalten, impulsives Verhalten. Oft Ausdruck von Bewegungsdrang oder Reizüberflutung – nicht immer ADHS.
Handlungsstrategie: Sorge für ausreichend Bewegung, klare Tagesstrukturen und kurze Aufgaben. Nutze die Energie des Kindes positiv, z. B. als Helferrolle.


4. Ständige Regelverstöße
 

Merkmale: Regeln werden bewusst missachtet oder provozierend gebrochen. Oft Ausdruck von Grenzen austesten oder Aufmerksamkeit suchen.
Handlungsstrategie: Formuliere Regeln klar, sei konsequent und erkenne positives Verhalten an. Beziehe Kinder aktiv in die Regelgestaltung ein.


5. Übermäßige Ängstlichkeit


Merkmale: Trennungsängste, starkes Klammern, extreme Vorsicht, Meiden neuer Situationen. Kinder wirken schnell verunsichert.
Handlungsstrategie: Etabliere Rituale, sichere Übergänge und gehe in kleinen Schritten vor. Stärkung durch positive Vorbilder und Ermutigung ist hilfreicher als Druck.


6. Sprachliche Auffälligkeiten
 

Merkmale: Sprachverweigerung (Mutismus), ständiges Unterbrechen, aggressiver Sprachgebrauch oder sehr wenig sprachliche Beteiligung.
Handlungsstrategie: Fördere spielerisch Sprache (Reime, Bilderbücher, Rollenspiele), gib Raum für nonverbale Kommunikation und unterstütze Kinder beim Finden positiver Ausdrucksformen.


7. Ess- und Schlafprobleme
 

Merkmale: Nahrungsverweigerung, extremes Naschen, Müdigkeit oder Reizbarkeit durch Schlafmangel. Oft Hinweis auf Stress oder emotionale Belastung.
Handlungsstrategie: Gestalte Essenssituationen entspannt, biete Rückzugs- und Ruheinseln an und halte engen Austausch mit den Eltern. Beobachte Veränderungen im Tagesverlauf.


8. Zwanghafte Verhaltensweisen


Merkmale: Starre Rituale, Kontrollzwang, exaktes Wiederholen oder Festhalten an Routinen. Meist dienen sie der Sicherheit, können aber das freie Spiel einschränken.
Handlungsstrategie: Respektiere Rituale, baue langsam flexible Alternativen ein und stärke das Sicherheitsgefühl des Kindes durch Verlässlichkeit.


9. Überangepasstes Verhalten
 

Merkmale: Kinder sind „zu unauffällig“, ordnen sich immer unter, äußern keine Wünsche oder Bedürfnisse. Häufig Ausdruck von Unsicherheit oder Angst vor Ablehnung.
Handlungsstrategie: Ermutige zu eigenen Entscheidungen, gib kleine Verantwortungsaufgaben und würdige Eigeninitiative. So lernt das Kind, dass seine Stimme wichtig ist.


10. Extreme Stimmungsschwankungen
 

Merkmale: Wechsel zwischen Euphorie, Wut, Traurigkeit oder Frustration in kurzer Zeit. Ausdruck von unreifer Emotionsregulation oder belastenden Erfahrungen.
Handlungsstrategie: Benenne Gefühle („Du bist gerade sehr wütend“), biete Strategien wie Atmung, Rückzugsorte oder Bewegung an. Hilf dem Kind, Emotionen schrittweise zu verstehen.


11. Einnässen (Enuresis)


Merkmale: Unfreiwilliges Wasserlassen tagsüber oder nachts, obwohl das Kind schon „trocken“ sein sollte. Häufig tritt es entwicklungsbedingt oder bei Belastungen auf.
Handlungsstrategie: Verzichte auf Strafen oder Beschämung. Biete Rückhalt, spreche mit den Eltern über Ursachen und ermögliche dem Kind, entspannt mit der Situation umzugehen.


12. Einkoten (Enkopresis)


Merkmale: Wiederholtes Einkoten nach dem Alter, in dem Kinder normalerweise sauber sind. Ursachen können körperlich, entwicklungsbedingt oder psychisch sein.
Handlungsstrategie: Bewahre Ruhe und Akzeptanz, unterstütze Eltern bei der Abklärung möglicher Ursachen und achte in der Kita auf eine würdige, diskrete Begleitung des Kindes.
 

Häufige Fehler im Umgang mit Verhaltensauffälligkeiten

 

  1. Kinder vorschnell als „schwierig“ abstempeln.
  2. Nur das Symptom sehen, nicht die Botschaft dahinter.
  3. Auffällige Kinder ausgrenzen statt einzubeziehen.
  4. Verantwortung allein beim Kind suchen, nicht auch im Umfeld.
  5. Diagnosen stellen: Das dürfen nur medizinische und therapeutische Fachkräfte!
  6. Keine Beratung und Hilfen in Anspruch nehmen, den Austausch mit Kolleg*innen, Eltern und Fachleuten vernachlässigen
  7. Kinder im Hinblick auf ihr Verhalten miteinander vergleichen
  8. Selbstreflexion vernachlässigen
     

Daher:: Verstehe Verhalten als Kommunikationsform und begleite Kinder individuell.


Mini-FAQ

 

Sind Verhaltensauffälligkeiten psychische Störungen oder ein Anzeichen für eine Krankheit/Behinderung?

Nein. Auffälligkeiten sind Beobachtungen – ob eine Diagnose gestellt wird, entscheidet Fachpersonal (z. B. Kinder- und Jugendpsychiatrie). Protokolliere Beobachtungen, suche den Austausch mit Kolleg*innen, Eltern und ggf. Therapeutinnen. Vergiss nicht, eine Schweigepflichtsentbindung von den Eltern unterschreiben zu lassen, bevor du mit Dritten in den Austausch über das Kind gehs


Wann sollten Eltern einbezogen werden?

Wenn Auffälligkeiten über längere Zeit (mehrere Wochen) bestehen und das Kind deutlich belastet wirkt. Dokumentiert deine Beobachtungen sorgfältig und hole dir Rückendeckung von erfahrenen Kolleginnen und Kollegen und im Zweifel auch von deiner Kita-Leitung.

Wo finde ich fundierte Infos?

Z. B. bei Fachinstituten oder in Studien zur Resilienzförderung.


 

Fazit


„Verhaltensauffälligkeit ist kein Etikett, sondern eine Einladung zum Hinschauen.“
Als Erzieher*in begleitest du Kinder dabei, passende Ausdrucksformen für ihre Gefühle und Bedürfnisse zu finden. Entscheidend ist, Verhalten nicht vorschnell als Problem zu deuten, sondern als Signal, das dich zu den Ursachen führt – und so zu pädagogisch sinnvollen Lösungen.

 

Bild: shutterstock_2460694123

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