Erzieherin im Sitzkreis


Viele pädagogische Fachkräfte erleben im Kita-Alltag Situationen, in denen sie den Eindruck haben, ein Kind müsse vor dem Verhalten einer Kollegin oder eines Kollegen geschützt werden. Was lange als Tabuthema galt, rückt durch aktuelle Studien stärker in den Fokus: Das Beobachten von grenzüberschreitendem oder unangemessenem Verhalten ist für viele Erzieherinnen und Erzieher kein Einzelfall, sondern Teil ihres Berufsalltags.
Eine große Online-Befragung in Kooperation mit der Bertelsmann-Stiftung unter mehr als 21.000 Kita-Fachkräften aus ganz Deutschland zeigt, wie verbreitet diese Wahrnehmungen sind – und wie schwer es vielen fällt, in solchen Situationen aktiv zu handeln.


Das Wichtigste in Kürze
 

  • Viele pädagogische Fachkräfte beobachten regelmäßig Situationen, in denen sie Kinder vor Kolleginnen oder Kollegen schützen möchten.
  • Ein erheblicher Teil greift trotz dieses Impulses nicht ein.
  • Gründe sind Unsicherheit, Angst vor Konflikten und fehlende klare Standards im Team.
  • Ein wertschätzendes Arbeitsklima und klare Strukturen sind zentrale Voraussetzungen für wirksamen Kinderschutz.


Wie häufig erleben Fachkräfte problematische Situationen?


In der Studie wurden Fachkräfte gefragt, wie oft sie Interaktionen zwischen Kolleginnen oder Kollegen und Kindern beobachten, bei denen sie das Gefühl haben, einschreiten zu müssen, um ein Kind zu schützen. Entscheidend ist dabei: Es ging nicht um juristisch bewertetes Fehlverhalten, sondern um die subjektive Wahrnehmung der pädagogischen Fachkräfte.
Mehr als ein Viertel der Befragten gab an, solche Situationen an den meisten Tagen oder sogar täglich zu erleben. Weitere rund ein Drittel beobachtet sie zumindest gelegentlich. Nur etwa 40 Prozent der Fachkräfte berichten, dass sie solche Situationen kaum oder nie wahrnehmen.
Diese Zahlen machen deutlich: Wahrgenommene Grenzüberschreitungen oder problematische Interaktionen sind für viele Fachkräfte Teil ihres Arbeitsalltags.


Warum greifen viele Fachkräfte nicht ein?


Ein zentrales Ergebnis der Studie ist, dass der Impuls zum Eingreifen häufig vorhanden ist, das tatsächliche Handeln jedoch ausbleibt. Die Gründe dafür sind vielfältig.
Viele Fachkräfte sind unsicher in der Einschätzung der Situation. Sie fragen sich, ob ihr Eindruck berechtigt ist oder ob sie überempfindlich reagieren. Diese Unsicherheit wird von mehr als der Hälfte der Befragten als Hinderungsgrund genannt.
Hinzu kommt die Angst vor Konflikten im Team oder mit der Leitung. Kritik am Verhalten von Kolleginnen oder Kollegen wird als belastend empfunden, insbesondere in angespannten Arbeitsverhältnissen oder bei Personalmangel.
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Sorge vor negativen sozialen Folgen. Einige Fachkräfte befürchten Ausgrenzung, Mobbing oder eine Verschlechterung des Arbeitsklimas, wenn sie problematisches Verhalten ansprechen.
Nicht zuletzt geraten viele in einen Loyalitätskonflikt. Sie fühlen sich sowohl dem Kinderschutz verpflichtet als auch der Solidarität im Team. Diese innere Zerrissenheit führt häufig dazu, dass sie schweigen, obwohl sie die Situation als belastend empfinden.


Welche Rolle spielt das Team- und Arbeitsklima?


Die Ergebnisse zeigen deutlich, wie stark das Arbeitsklima in der Kita beeinflusst, ob Fachkräfte eingreifen oder nicht. In vielen Einrichtungen fehlen klare, gemeinsam getragene Standards dafür, was als angemessenes pädagogisches Verhalten gilt.
Zudem berichten viele Fachkräfte, dass sie kaum Rückmeldungen zu ihrem eigenen pädagogischen Handeln erhalten. Regelmäßige Reflexion, kollegiales Feedback oder offene Gespräche über herausfordernde Situationen sind in vielen Teams nicht fest verankert.
Fehlt eine offene Kommunikationskultur, steigt die Hemmschwelle, kritische Beobachtungen anzusprechen. Gleichzeitig leidet darunter die pädagogische Qualität und das Vertrauen im Team.


Emotionale Belastung für Fachkräfte


Das Beobachten von Situationen, in denen Kinder aus Sicht der Fachkräfte Schutz benötigen, ist emotional stark belastend. Rund zwei Drittel der Befragten geben an, dass sie diese Situationen als stark oder eher stark belastend empfinden.
Viele Fachkräfte erleben dabei ein Gefühl von Ohnmacht. Sie möchten professionell handeln, fühlen sich aber durch strukturelle oder soziale Rahmenbedingungen daran gehindert. Langfristig kann dies zu Frustration, innerer Distanzierung oder sogar zur Abkehr vom Beruf führen.


Was stärkt den Kinderschutz im Kita-Alltag?


Die Studienergebnisse machen deutlich, dass Kinderschutz nicht allein von der individuellen Haltung einzelner Fachkräfte abhängt. Entscheidend sind die strukturellen und kulturellen Rahmenbedingungen in der Einrichtung.
Klare pädagogische Leitlinien und gemeinsam entwickelte Standards geben Fachkräften Sicherheit im Handeln. Regelmäßige Teamgespräche, Supervision und Fortbildungen helfen, schwierige Situationen gemeinsam zu reflektieren und professionell einzuordnen.
Ebenso wichtig sind ausreichende personelle Ressourcen. Zeitdruck, Unterbesetzung und hohe Belastung erhöhen das Risiko für grenzüberschreitendes Verhalten und erschweren zugleich das Einschreiten.
Ein offenes, wertschätzendes Arbeitsklima, in dem Kritik nicht als Angriff, sondern als Teil professioneller Qualität verstanden wird, ist eine zentrale Voraussetzung für wirksamen Kinderschutz.


Es braucht mehr individuelle Zivilcourage und eine professionelle Teamkultur


Kinderschutz in der Kita ist eine gemeinsame Aufgabe des gesamten Teams. Die Studie zeigt deutlich, dass viele Fachkräfte sensibel für problematische Situationen sind, sich aber im Alltag nicht ausreichend unterstützt fühlen, um konsequent zu handeln.
Damit Kinder in Kitas wirklich geschützt werden können, braucht es mehr als individuelle Zivilcourage. Es braucht klare Strukturen, eine reflektierte Teamkultur und Rahmenbedingungen, die professionelles Handeln ermöglichen. Nur so können Fachkräfte ihrer Verantwortung gerecht werden und Kinder in ihrer Entwicklung zuverlässig begleiten und schützen.

Quelle:
https://www.news4teachers.de/2025/12/schmerzliches-thema-viele-kita-fachkraefte-beobachten-unangemessenes-verhalten-von-kolleginnen-gegenueber-kindern-schreiten-aber-nicht-ein/

Link zur Studie der Bertelsmann-Stiftung:
https://www.bertelsmann-stiftung.de/de/unsere-projekte/fruehkindliche-bildung/projektnachrichten/teamarbeit-zentral-fuer-kinderschutz

Zum Weiterlesen:
https://www.erzieherin-ausbildung.de/praxis/Kindeswohlgefährdung-Checkliste-für-Kinderschutz-in-der-Kita
 

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