Ratgeber Vorurteilsbewuste Erziehung

 

Was ist vorurteilsbewusste Bildung und Erziehung?  

Die vorurteilsbewusste Bildung und Erziehung oder vorurteilsfreihe Pädagogik steht für ein inklusives Praxiskonzept. Der Ansatz basiert sowohl auf dem Situationsansatz als auch auf dem Anti-Bias Approach.Der Anti-Bias Approach kommt aus den USA und ist in den 80er Jahren entwickelt worden. Die vorurteilsbewusste Bildung und Erziehung ist die deutsche Adaption dazu.

Ziel des Ansatzes ist es, Bildungsgerechtigkeit durch Schutz vor Diskriminierung zu erreichen. Leitgedanke ist: Vielfalt respektieren, Ausgrenzung widerstehen. Damit dies gelingen kann, ist es notwendig, dass sich Erzieherinnen und Erzieher sowie alle weiteren Fachkräfte im pädagogischen Alltag mit Vorurteilen und deren Auswirkungen reflektiert auseinandersetzen – sowohl auf einer persönlichen als auch auf einer fachlichen Ebene. Wenn dies systematisch erfolgt, findet eine Veränderung des pädagogischen Handelns und der strukturellen Ebene statt.

Dies ist daher wichtig, da es Erkenntnisse darüber gibt, dass auch Kinder ihre Welt aus Vorurteilen und Einseitigkeiten konstruieren. Das zeigt sich durch das Ausschließen anderer Kinder aufgrund ihrer Attribute. („Zu dick, sieht anders aus, spricht komisch.“) Die ausgeschlossenen (diskriminierten) Kinder erfahren dadurch eine Beschädigung ihrer Selbstbildes, was sich wiederum negativ auf ihre Lernbereitschaft auswirken kann.

Daher ist die Verantwortung, die eine Kita als Bildungseinrichtung trägt, auch besonders hoch. Sie ist eine der ersten Instanzen, in denen Kinder als Teil der Gesellschaft lernen können, dem entgegenzusteuern. Das ist auch eine besonders hohe Herausforderung, da sie vor der Aufgabe steht, allen Kindern das gleiche Recht auf Bildung und dem Schutz vor Diskriminierung zukommen zu lassen. Das ist schwierig, da eine generelle Gleichbehandlung nicht zu dem Ergebnis führt, dass alle das gleiche bekommen – es muss individuell auf das Kind und seine Bedürfnisse geschaut werden.

Um dieser Aufgabe gerecht zu werden, gibt es verschiedene strategische Ziele, die innerhalb der pädagogischen Praxis verfolgt werden. Hier stellen wir dir die wichtigsten Inhalte vor, die sich im Alltag umsetzen lassen. Außerdem findest du im Anschluss Anregungen, um die Lernumgebung und den Umgang mit Kindern vorurteilsbewusst zu gestalten sowie Tipps zur Eltern- und Teamarbeit.
 

Häufig gefragt:

Was versteht man unter Vor-Verurteilungen?
Als Vor-Vorurteile können die gesammelten, individuellen Ergebnisse betrachtet werden, die Kinder je nach kognitiver Reife aus ihren sozialen Erlebnissen und ihrem Umfeld ziehen.
Wie entwickeln Kinder Vorurteile?
Kinder kommen bereits in frühen Jahren mit Vorurteilen oder Stigmatisierungen in Berührung. Sei es von den Eltern oder in pädagogischen Einrichtungen wie Kindergärten oder Schulen. Hier entnehmen Kinder bereits aufgrund von Äußerungen oder Handlungen, welche Verhaltensweisen von der Gesellschaft anerkannt oder abgelehnt werden. Gilt es als „normal“ oder „unnormal“ wenn ein Mädchen in ein Piratenkostüm schlüpft?
 

Warum ist vorurteilsbewussten Bildung und Erziehung so wichtig - 4 Ziele

 

Diese Ziele sind als Praxiskonzept auch in der Fachstelle Kinderwelten, die stetig diesen Ansatz weiterentwickeln, zu finden. Die Ziele bauen aufeinander auf. Ziel drei und vier sind dabei als sehr fortgeschritten anzusehen, der Schwerpunkt wird in der Praxis eher auf Ziel eins und zwei liegen.

 

  1. Alle Kinder in ihrer Ich- und Bezugsgruppenidentität stärken

Wenn ein Kind sich in seiner Identität bestätigt und gestärkt fühlt, erlebt es Sicherheit und Schutz. Dies geschieht, wenn es positive Resonanz bekommt. Diese Resonanz kann z.B. auf Erfahrungen, Fähigkeiten, Interessen, die Herkunft oder die Familie beruhen.

Beispiele für passende Projekte

 

  1. Allen Kindern Erfahrungen mit Vielfalt ermöglichen

Größere Städte teilen sich oft in gespaltene Stadtteile. Das führt dazu, dass es einerseits gut situierte Stadtteile mit privilegierten Familien gibt und andererseits sogenannte Brennpunkte. Beide Beispiele stellen extreme dar. Bestenfalls ist eine Kita gut durchmischt – und stellt damit den gesellschaftlichen Querschnitt dar. Wenn dies aber nicht der Fall sein sollte, ist es umso wichtiger, dass den Kindern Erfahrungen mit Vielfalt ermöglicht wird, um über den Tellerrand zu schauen. Das kann auch der örtliche Kiez sein. Wichtig ist ein sensibler Umgang mit der Thematik und so auch die Möglichkeit bereiten, Empathie zu entwickeln.
 

  1. Das kritische Denken im Hinblick auf Ungerechtigkeiten und Diskriminierung anregen

Damit Kinder die Gelegenheit haben, ein kritisches Denken gegenüber Ungerechtigkeiten zu entwickeln, muss dieses Denken und Handeln bei den Erwachsenen beginnen. Wir sind das Vorbild, an denen sich Kinder orientieren. Unsere innere Haltung bestimmt unser Handeln. Daher ist es auch nur logisch, das eigene Handeln zu reflektieren. Wieso begegne ich Menschen mit misstrauen oder habe weniger Respekt vor einer Gruppe? Anhand des eigenen moralischen Beispiels entwickeln sich moralische Grundsätze bei den Kindern. Dabei geht es nicht darum, die Moralkeule schwingen zu lassen – sondern zu überlegen: Wie möchte ich behandelt werden?

Auf Grundlage dessen kann thematisch zu dem Thema gearbeitet werden. Gespräche im Morgenkreis, beim Lesen etc. wären gute Gelegenheiten dazu.
 

  1. Das Aktivwerden gegen Unrecht und Diskriminierung unterstützen

Kinder entwickeln ein Verständnis von Gerechtigkeit und nehmen wahr, wenn etwas ungerecht ist. Das kann zu Konflikten führen, die zum Leben dazu gehören. Kinder müssen die Gelegenheit haben, Konflikte auszutragen. Das ist eine Gelegenheit für einen Kompetenzerwerb der Kinder. Als Erzieher stehst du in der Pflicht, dies gewissenhaft zu begleiten. Dies kann entweder in der Konfliktsituation der Fall sein, weil die Kinder noch nicht kompetent sind, dies adäquat zu lösen, oder auch im Nachhinein, wenn die Wogen wieder geglättet sind. Ein Austausch über das Geschehene ist wichtig. Das Erarbeiten von Regeln, die der Gemeinschaft wichtig sind, ist wichtig. So können auch die jüngsten Kinder darin unterstützt werden, sich aktiv einzubringen.

 

Die Lernumgebung vorurteilsbewusst gestalten

 

Neben diesen vier Zielen gibt es noch Grundsätze, die die Arbeit in der Kita vorurteilsbewusst gestalten. Mit einem prüfenden Blick auf die eigene Arbeit lässt sich hinterfragen, wie vorurteilsbewusst das eigene Handeln ist. Und wie sich Vorurteile auf die Lernumgebung niedergelassen haben.

Das bin ich

Ein wichtiger Aspekt ist es, dass Kinder sich repräsentiert fühlen. Repräsentation steht für Wertschätzung. Damit wird klar: Du bist hier willkommen. Repräsentation kann bereits mit der Garderobe beginnen, indem jedes Kind an seinem Platz ein Foto von sich hängen hat. Damit fällt die Orientierung leichter und das Kind wird sichtbar als Teil der Gruppe gemacht.

Auch die Wahl des Spielzeugs kann wichtig sein. Ein Blick in die Puppenecke ist besonders wichtig: Wie sehen die Puppen aus. Es gibt mittlerweile sehr unterschiedlich aussehende Puppen zu erwerben – von Puppen mit Handicap bis zu unterschiedlichen Hautfarben ist alles dabei. Eine gute Mischung dieser Puppen ermöglicht es Kindern, ein Abbild der Gesellschaft bewusst wahrzunehmen bzw. wenn die Puppen dem Kind in einigen Eigenschaften ähnelt, findet auch hier wieder eine Repräsentation des Kindes statt.

Das ist meine Familie

Für gewöhnlich bringt das Kind eine Familie oder ähnliches mit. Auf jeden Fall ist ein Kind nicht losgelöst zu betrachten – es gibt immer ein Umfeld, welches Einfluss auf das Kind hat. Und dieses Umfeld ist dem Kind wichtig. Wertschätzung gegenüber dem Kind bedeutet auch, dass die Familie einen Platz haben muss. Das kann z.B. durch Familienbücher geschehen. In diesen kleinen Fotoalben haben die wichtigsten Personen für das Kind Platz.

Bücher

Bücher stellen immer ein Abbild der gesellschaftlichen Norm dar. Es gibt Kinderbuch-Klassiker, die heute so nicht mehr gedruckt werden würden, weil es politisch inkorrekte Aussagen gibt. Diese Bücher sind in neuen Auflagen „zensiert“ vorzufinden. Ob eine Kita noch die alten Bücher hat, muss auf jeden Fall geprüft werden – es bedeutet allerdings nicht, dass sie rausgeschmissen werden müssen. Die Pädagogen vor Ort stehen aber in der Pflicht, ihr Material zu kontrollieren und danach zu entscheiden, ob und wie sie damit verfahren wollen. Eine Möglichkeit wäre es, das Buch gezielt als Bildungsangebot zu nutzen: Warum werden diese Begriffe im Buch verwendet und warum ist es nicht in Ordnung? Was für einen Hintergrund gibt es zu dem Begriff? Was für Gefühle werden in der Zielgruppe geweckt?

Wenn neue Bücher angeschafft werden sollten, lohnt sich ein Blick hinsichtlich der Diversität. Auf der Seite von Kinderwelten gibt es gute Listen, die gepflegt werden, und die eine breite Maße ansprechen.

Aus aller Welt (Erfahrungen ermöglichen)

In einer Kita treffen viele Welten aufeinander. Wir feiern in Deutschland christliche Feste wie Weihnachten und Ostern, die auch gesetzlich verankert sind. Diese Feste werden aber nicht von der gesamten Gesellschaft gefeiert. Einige feiern Ramadan, andere Jom Kippur. Es gibt 5 Weltreligionen, die alle ihre eigenen Feste mitbringen – und daneben gibt es auch noch kleinere Glaubensgemeinschaften. Es vermittelt Wertschätzung, wenn diese Feste auch in der Kita geachtet werden. Es gibt Kalender, die all diese Feste berücksichtigen – damit wir auch annähernd eine Chance haben, uns in dieser Maße zu orientieren. Eine Möglichkeit wäre es, auch diese Feste in der Kita zu feiern. Sie könnten aber auch mit einem Buch thematisiert werden. Oder anstelle vieler kleiner Feste könnte ein Jahreszeitenfest daraus gemacht werden (z.B. ein Frühlingsfest). All diese Feste haben schließlich eines gemeinsam – sie bringen Menschen zusammen.

Ebenso ist das Essen weltweit unterschiedlich, was zum Anlass genommen werden kann, Themenwochen zu gestalten.

Ein Blick in die Kulturen der Familien kann eine enorme Inspiration sein. Es kann aber auch eine Möglichkeit sein, die Familien einzuladen, ihre Kultur in die Kita einzubringen – es gibt viele Möglichkeiten!

 

Die Interaktion mit Kindern vorurteilsbewusst gestalten

 

Auf die Interessen der Kinder eingehen/An die Interessen der Kinder anknüpfen

Ein wichtiger Aspekt – nicht nur in der vorurteilsbewussten Bildung und Erziehung – ist es, an die Interessen der Kinder anzuknüpfen. Diskriminierung anderer Ethnien kann ein sehr komplexes und theoretisches Thema sein – etwas, was die Kinder unter umständen gar nicht verstehen oder begreifen können. Gelungene Bildungsarbeit beginnt damit, diese Themen kindgerecht aufzuarbeiten. Dies kann mit den Gruppenregeln im Alltag beginnen, In der Erarbeitung dessen können Kinder einbezogen werden. Mit einem Anstoß der Erzieher (Schließen wir jemanden aus?) kann das Thema „Ausgrenzung“ eingeleitet werden, wie Kinder sich fühlen, was Ausgrenzung auslöst und wie damit umgegangen werden kann bzw. wo Kinder auch Hilfe holen können und Unterstützung erfahren.
 

Wörter für Gefühle finden

Es ist notwendig, die eigene Sprache zu reflektieren. Eine vorurteilsbewusste Sprache muss geübt werden. Dies beginnt mit Äußerungen wie „Starke Jungs weinen nicht“ oder „Mädchen spielen nicht mit Autos“. Diese Stereotype sind im Denken und in der Sprache verfestigt und werden stetig an die nächste Generation weitergegeben. Dies gilt es zu durchbrechen. Damit Kinder auch in der Lage sind, ihre Gefühle zu äußern, ist es wichtig, all die Geschehnisse des Alltags zu benennen. Ein Streit unter Kindern kann beispielsweise auch sprachlich begleitet werden. „Du bst sauer, weil…“ „Das tut dir weh, weil…“ Wichtig ist es, kindgerechte Worte zu finden, mit denen Kinder ihre Gefühle und Empfindungen eigenständig benennen können.
 

Selbstbestimmung verankern

Partizipation stärkt Kinder und starke Kinder können sich gegen Ungerechtigkeit wehren. Daher ist es auch notwendig, als Erzieher so viel Selbstbestimmung wie möglich in den Alltag zu verankern. Kann das Kind selbst bestimmen, wo es spielen will, was und wie viel es essen will? Ob es an einem Angebot teilnehmen will? Manchmal sind Situationen unvermeidbar. (Alle Kinder müssen raus, weil die Erzieherin allein ist und die Mehrheit gerne draußen sein möchte.) Aber überall, wo es strukturell möglich ist, sollte auch der Wille des Kindes geachtet werden. So erfahren Kinder, dass sie eine Selbstwirksamkeit haben und keine Opfer des Systems sein müssen – ein Schlüssel gegen Ausgrenzung und Diskriminierung. Ein starkes Kind wird sich eher wehren als ein Kind, welches von klein auf gelernt hat, alles hinzunehmen.
 

Vielfältige Sozialumgebung erforschen

Dieser Punkt ergänzt das Ziel, Kindern Erfahrungen mit Vielfalt zu ermöglichen. Ein gut vernetzter Sozialraum, in denen sich Kinder und ihre Familien auskennen, bietet Ressourcen. Kinder werden Anlaufstellen kennenlernen, die wertvoll für sie sind. Das kann eine Bücherei sein, in denen sie jetzt und auch in Zukunft lesen können. Es kann aber auch ein Jugendhaus sein – eine offene Anlaufstelle für Kinder. Das Erforschen der Sozialumgebung ist ein Anker für die Zukunft, es bietet Orientierung für die Kinder und je früher sie positive Assoziationen zu gewissen Orten haben, desto eher werden sie diese auch später nutzen. 
 

Kinder unterstützen, sich gegen Ausgrenzung und Diskriminierung zu wehren

Wenn du als Erzieher Zeuge einer Ausgrenzung/Diskriminierung wirst, ist das mehr als ein kleiner Kinderstreit, den sie untereinander klären können. Als Pädagoge ist es wichtig, diese Situationen als Bildungsgelegenheit wahrzunehmen. Natürlich kannst du erstmal die Situation beobachten und schauen, wie die Kinder die Situation lösen, aber es ist auch wichtig, dies mit den Kindern im Gespräch zu reflektieren. Was ist geschehen, warum ist es geschehen, wie haben sich einzelne Kinder dabei gefühlt. Damit werden Kinder stark gemacht, sich gegen Ausgrenzung und Diskriminierung zu wehren.Falls es diese Situationen nicht gibt, kann mit den Kindern z.B. auch anhand von Büchern über das Thema gesprochen werden. Oder ein Theaterstück wird eingeübt, welches besprochen wird. Methodisch gibt es viele Möglichkeiten, um das Thema kindgerecht aufzuarbeiten.

 

Vorurteilsbewusste Erziehung- ein Praxisbeispiel

 

Die folgende Situation dürfte den meisten pädagogischen Fachkräften bekannt sein:

Zwei Mädchen und zwei Jungen sitzen am Maltisch. Einer der Jungen greift zu einem pinkfarbenen Stift und verkündet: „Pink ist meine Lieblingsfarbe.“

In der Regel melden sich dann die anderen Kinder beiderlei Geschlechts zu Wort, die bestreiten, dass Pink die Lieblinsfarbe eines Jungen sein kann, denn Pink sei ja bekanntermaßen eine „Mädchenfarbe“.

Ähnliche Diskussion entstehen häufig, wenn es um Kleidung, Haarlänge oder Spielzeug geht: Viele Drei- bis Sechsjährige haben bereits stereotype Rollenbilder verinnerlicht und glauben, es sollte keine Abweichungen von diesen für sie logischen Klischees geben. Schwierig wird es vor allem für diejenigen Kinder, die entweder noch keine Vorurteile entwickelt haben oder deren Vorlieben nicht zu den Rollenbildern passen, die ihre Altersgenossen für ein ungeschriebenes Gesetz halten. Nicht selten kommt es dann bereits im Kita-Alter zu Ausgrenzung und Anfeindungen.

Hier gilt es pädagogische Aufklärungsarbeit zu leisten und gemeinsam zu reflektieren ob es nicht viel schöner ist, wenn beispielsweise Farben für alle da sind. Sicherlich kennt jedes Kind auch Mädchen die gerne Fußball spielen, die lieber Hosen als Kleider tragen und die vielleicht sogar eine Kurhaarfrisur bevorzugen. Anderseits dürfen selbstverständlich auch Jungen bzw. Männer einen Pferdeschwanz und rosafarbene Hemden tragen: Erlaubt ist, was gefällt, so lange niemand Schaden nimmt. Wären alle Menschen gleich, sähen gleich aus und hätten die gleichen Interessen wäre unsere Welt sehr langweilig.

Bei der vorurteilsbewussten Erziehung geht es nicht darum Kindern ein neues Weltbild aufzudrängen, sondern darum sie dafür ist zu sensibilisieren andere Meinungen, Lebensentwürfe und Vorlieben ebenso zu akzeptieren wie die eigenen bzw. die bekannten.

Dabei gilt es natürlich behutsam vorzugehen und das Alter sowie die kognitive Entwicklung von Kindern zu berücksichtigen, um diese nicht zu überfordern. Vorurteile zu haben und das häufig kritisierte „Schubladen-Denken“ sind nicht per se schlechte Eigenschaften, denn sie bieten zunächst einmal einfache Lösungen für komplexe Probleme. Das verhilft Menschen dazu Halt und Orientierung zu finden und ist zugleich die Erklärung, warum es auch Erwachsenen häufig so schwer fällt sich tolerant zu verhalten und andere nicht vorzuverurteilen.
 

Die Zusammenarbeit mit Eltern

 

Interesse an Eltern

Ein simpler Tipp, aber so viel wert: Wenn du den Eltern mit Interesse für ihre Kultur und dem Familienleben begegnest, erzeugt dies ein Gefühl des „Willkommen sein“. Diese erste grundlegende Regel im Umgang mit Eltern ist wichtig, da wir nur so dem Kind und der Familie vorurteilsbewusst begegnen können. Auch wenn die Eltern vielleicht gar nicht der deutschen Sprache mächtig sind, wollen auch sie in einen Austausch treten – selbst wenn es anfangs nicht so wirkt, da sie eher wenige Worte mit den Erziehern wechseln. Das beruht auf Sprachbarrieren. Einer Sprache nicht mächtig zu sein, kann einschüchtern wirken. Geht auf die Eltern zu, verständigt euch mit Hand und Fuß. Hauptsache das Interesse ist da.  

Zu Wort kommen lassen

Bezüglich des Faktors Sprachbarrieren, ist es ebenso wichtig, die Eltern auch mal zu Wort kommen zu lassen. Wenn das Vorurteil im Kopf ist, dass sie eh nicht sprechen können, und der Erzieher zu seiner eigenen Frage direkt die Antwort dem Elternteil in den Mund legt, sodass dieser nur noch abnicken muss, entsteht kein Dialog, sondern ein Monolog. Nimm dir Zeit, sprich deutlich, benutze einfach Worte. Beobachte, ob es eine Reaktion im Gesicht deines Gegenübers gibt. Und wenn nicht: suche Alternativen, suche Synonyme.

Dialoge ermöglichen

Ein Praxistipp:

Ursprünglich für Kita+ entwickelt, gibt es für Kitas vom Bundesministerium für Familien, Senioren, Frauen und Jugend das „Bildbuch: Kita-Alltag. Bildgestützte Kommunikation mit Eltern in der Kita“. (https://sprach-kitas.fruehe-chancen.de/themen/zusammenarbeit-mit-familien/bildbuch-kita-alltag/) Dies kann kostenlos per Mail angefordert werden. Die gängigsten Situationen des Kita-Alltags sind hier nochmal gut verbildlicht. Das Buch kann unterstützend in der Kommunikation mit den Eltern genutzt werden.

Außerdem gibt es vom Verlag Cornelsen einen „Erzieher-Dolmetscher“. Hier gibt es wichtige Sätze für fremdsprachige Familien in Lautschrift. So können wichtige Infos in der Eingewöhnung und darüber hinaus an die Eltern weitergegeben werden, ohne dass ein Übersetzer immer dabei sein muss.

Familienkultur wertschätzen ohne Zuschreibungen

Vorurteile sind Etiketten, die wir den Menschen aufkleben. Dieses Denken in Schubladen muss noch nicht mal böse gemeint sein und beruht vielleicht auf vermeintlichen Erfahrungswerten. Allerdings sollte jedem Pädagogen klar sein, dass dieses Denken in Schubladen nichts Gutes mit sich führt. Es verbaut vielmehr Brücken, die aufgrund einer inneren Haltung nicht gebaut werden, da sich die Mühe vermeintlich nicht lohnt. Einer neuen Begegnung sollte daher auch so behandelt werden: neu und offen.

 

Die Zusammenarbeit im Team

 

Die Zusammenarbeit im Team ist daher wichtig, da ein Team sich auch immer gegenseitig auf einen vorurteilsbewussteren Umgang aufmerksam machen kann.  Floskeln im eigenen Sprachgebrauch fallen unter Umständen nicht auf – erst wenn ein anderer darauf aufmerksam macht, dass dies eben nicht vorurteilsbewusst ist und eher einer Zuschreibung gleicht. Ein Beispiel dafür wäre: „Ein Indianer kennt keinen Schmerz.“ Wenn man diesen Satz ein Leben lang so gebraucht hat, muss erstmal ein Denkanstoß geschehen. Was vermittle ich mit diesem Satz? Schmerzen und das Leid werden als Schwäche angesehen, aber eigentlich empfindet doch jeder so ab und an? Selbst die Indianer. Damit dieser Gedanke erst zu Stande kommt, ist es notwendig, dass das Team sich gemeinsam zu dem Thema fortbildet und sensibel auf Vorurteile wird.  

Außerdem ist die vorurteilsbewusste Bildung und Erziehung eine konzeptionelle Weiterentwicklung, die gemeinsam getragen werden muss. Ein Alleingang im Team funktioniert selten. Daher sollte der Anstoß auch sein, als gesamtes Haus-Team sich dazu weiterzubilden und das eigene Handeln und Denken kritisch zu hinterfragen.

Und zum Schluss noch: Es heißt vorurteilsbewusst, nicht vorurteilsfrei. Jeder Erzieher sollte verstehen, dass man sich nicht frei von Vorurteilen machen kann. Aber ein Bewusstsein darum und was es anstellt, ist ein enormer Schritt in eine bessere Zukunft, in der jedes Kind das Recht auf eine bestärkende Erziehung hat.

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