Die sozial-emotionale Entwicklung im Kindergarten fördern – warum Kinder erst einmal kleine Egoisten sein müssen

Eine Kindergartengruppe, in der alle Kinder gut miteinander auskommen, friedlich spielen und die Grenzen der anderen immer akzeptieren existiert nicht. Immer wieder kommt es zu Streit und Konflikten, weil sich alle gleichzeitig mit einem besonders begehrten Spielzeug beschäftigen möchten oder weil zwei Mädchen beschlossen haben, dass ein weiteres nicht mehr mitspielen darf. Das ist für die Erzieher zwar oft lästig, aber ziemlich normal: Kinder müssen soziales Verhalten erst lernen und die Erfahrung machen, dass nicht jedes Bedürfnis sofort befriedigt werden kann (und muss). Die sozial-emotionale Entwicklung des Menschen ist ein komplexer Prozess, der teilweise auch über das Erreichen des Erwachsenenalters hinaus andauert. Daher ist es wichtig für pädagogische Fachkräfte zu wissen, welche Entwicklungsstadien Kinder im Kita-Alter in diesem Bereich durchleben, wie schwer es für sie ist eigene Bedürfnisse zurückzustellen und welche Möglichkeiten es gibt, die sozial-emotionale Kompetenz gezielt zu stärken.

 

Soziale Fähigkeiten werden erlernt, der Drang nach Bedürfnisbefriedigung ist angeboren

Während soziales Verhalten nur durch die Interaktion mit anderen Menschen erlernt werden kann, spielen Emotionen schon ab dem ersten Lebenstag eine wichtige Rolle. Indem ein Säugling seine Bedürfnisse wie Hunger, Schmerz oder Langeweile durch laute Unmutsäußerungen ausdrückt, bringt er seine Bezugspersonen dazu relativ zeitnah zu reagieren – durchdringendes Babygeschrei kann niemand ignorieren, dessen Hörvermögen und sozial-emotionale Kompetenz normal ausgeprägt ist. Dieser Umstand dient zunächst einmal der Arterhaltung, denn ein kleines Baby ist absolut hilflos und darauf angewiesen, dass es gefüttert, gewickelt und warm gehalten wird. Allerdings brauchen Neugeborene nicht allein Nahrung, warme Kleidung und ausreichend Schlaf, um zu überleben: Wenn sie keine emotionale Zuwendung in Form von körperlicher Nähe erfahren, können sie im schlimmsten Fall sogar sterben. Schon in den ersten Lebenswochen wird das sogenannte Urvertrauen aufgebaut. Darunter versteht man in der Entwicklungspsychologie das Vertrauen eines Menschen in seine Bezugspersonen und darin, dass die Welt grundsätzlich ein freundlicher Ort ist, deren Bewohner berechenbar sind. Daher ist es verständlich, dass das Urvertrauen auch in der Bindungstheorie eine große Rolle spielt, die wiederum wichtig ist, wenn es darum geht Kinder behutsam und bedürfnisorientiert in Krippe oder Kita einzugewöhnen.

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Stadien der sozial-emotionalen Entwicklung: Was lernt ein Kind in welchem Alter?

In den ersten sechs Lebensjahren wird der Grundstein für die sozial-emotionale Entwicklung gelegt, allerdings müssen Herausforderungen wie Bedürfniskontrolle, empathisches Verhalten, die Einnahme von Rollen innerhalb einer Gemeinschaft oder der Umgang mit Frustrationen und Niederlagen ein Leben lang gemeistert werden. Wie viele Erwachsene haben ihre Emotionen nicht im Griff, ordnen sich zu sehr oder gar nicht unter oder geben zu schnell auf, wenn sich der erwünschte Erfolg nicht schnell genug einstellt? Natürlich ist es auch vom jeweiligen Charakter eines Menschen abhängig, ob er über ausreichend soziale und emotionale Kompetenz verfügt um innerhalb einer Gesellschaft seinen Platz zu finden. Die Grundlagen werden aber wie bereits erwähnt in der frühen Kindheit gelegt. Die engsten Bezugspersonen eines Kindes, also in der Regel den Eltern, und später dann Erzieher und Lehrer, tragen also eine große Verantwortung wenn es um das Erlernen sozialer Verhaltensweisen und um die Stärkung der emotionalen Kompetenz geht. Als einer der wichtigsten Forscher im Hinblick auf die psychosoziale Entwicklung gilt der Psychoanalytiker Erik H. Erikson (1902-1994). Eriksons Stufenmodell zielt darauf ab zu erklären, wie sich die sozial-emotionale Entwicklung eines Menschen im Spannungsfeld zwischen dessen Bedürfnissen und Wünschen einerseits und den Erwartungen und Anforderungen der sozialen Umwelt anderseits vollzieht. Das Stufenmodell basiert auf den Theorien Sigmund Freuds, konzentriert sich aber mehr auf die Entwicklung der eigenen Ich-Identität.


Für die ersten sechs Lebensjahre relevant sind die Stufen 1 bis 3 des Stufenmodells:

 

  1. Stufe (0-12 Monate): „Ur-Vertrauen vs. Ur-Mistrauen“ In dieser Stufe erfährt das Kind, dass seine Bedürfnisse nach Nahrung, Geborgenheit, Nähe und Schutz von den Bezugspersonen erkannt und befriedigt werden. Geschieht das nicht oder nur unzureichend, entwickelt es kein Urvertauen und erfährt die Welt als unsicheren, lieblosen Ort. Gefühle wie Angst, Unsicherheit und Hilflosigkeit führen dann dazu, dass bereits Säuglinge depressive Störungen entwickeln, die ihre gesunde Entwicklung beeinträchtigen

  2. Stufe (12-36 Monate): „Autonomie vs. Scham und Zweifel“Wenn das Kind sein erstes Lebensjahr vollendet hat wird es zunehmend selbstständiger und auch mobiler. Es lernt zu laufen und entwickelt mehr und mehr einen eigenen Willen. Die Freude daran, die eigene Umwelt zu entdecken, kann aber nur entstehen, wenn das Kind ein gesundes Urvertrauen entwickelt hat und weiß, dass es sich auf seine Bezugspersonen verlassen kann, wenn es sich beispielsweise weh tut oder eine beängstigende Situation gerät. Ist Bindung zu den Bezugspersonen gut, fungieren diese als „sicherer Hafen“ für das Kind, geben im Halt, Trost und Orientierung. Die 2. Stufe kann also nur erfolgreich durchlaufen werden, wenn dies bereits bei der ersten Stufe beglückt ist. Werden Kleinkinder zu stark reglementiert, lernen sie unbewusst, dass ihr Bedürfnis nach Eigenständigkeit und Autonomie falsch ist. Sie entwickeln Scham und zweifeln an sich. Trotzdem brauchen sie Regeln und Grenzen, die sie vor Gefahren schützen und ihnen Halt geben.

  3. Stufe (4. -6. Lebensjahr): „Initiative vs. Schuldgefühl“ Bis zur Einschulung macht ein Kind, welches sich altersgerecht entwickelt, entscheidende Fortschritte im Hinblick auf seine Moralentwicklung. Es lernt, was in unserer Gesellschaft „richtig“ und was „falsch“ ist und legt den kindlichen Egozentrismus langsam ab. Wichtig ist aber, Kindern in dem Alter nicht zu viel zuzumuten, wenn es um soziale und personale Kompetenzen angeht. Die meisten Vorschulkinder haben noch Probleme damit zu teilen oder ihre Bedürfnisse zurückzustellen. Einige sind schüchtern oder ängstlich. Wird auf diese vermeintlichen Fehler und Unzulänglichkeiten von der Umwelt zu streng reagiert, entwickeln Kinder Schuldgefühle und zweifeln an sich. Die Folge ist, dass Kinder entweder mit Aggression oder mit Rückzug reagieren.

Einen ausführlichen Überblick über alle Stufen von Eriksons Modell der psychosozialen Entwicklung sowie eine kurze Biografie findest du hier.

 

Die sozial-emotionale Entwicklung von Kindern und ihre Bedeutung in der pädagogischen Praxis

 Damit Kinder sich gesund entwickeln können, brauchen sie in die ersten Lebensjahren also ein liebevolles Umfeld und Bezugspersonen, die Grenzen setzen, aber das Kind auch darin unterstützen eigene Erfahrungen zu machen. Zudem ist es vollkommen normal, dass ein Kleinkind noch nicht in der Lage ist die Folgen seines Tuns einzukalkulieren und anderen Menschen gegenüber rücksichtsvoll zu sein. Empathie und Mitleid, sowie die Bereitschaft zu teilen und selbstlos zu handeln sind Kompetenzen, die Kinder erst erlernen müssen. Gleiches gilt für den konstruktiven Umgang mit negativen Gefühlen wie Angst, Frust, Eifersucht und Langeweile. Krippen und Kitas sind Orte in denen soziales Miteinander eine wichtige Rolle spielt. Als Teil einer größeren Gruppe, zu der Jungen und Mädchen unterschiedlichen Alters gehören, ist es zunächst einmal eine Herausforderung seinen Platz zu finden. So bietet allein der Alltag in einer vorschulischen Einrichtung zahlreiche Gelegenheiten, sozial-emotionale Kompetenzen zu stärken, die zu Hause fehlen. Man muss warten, wenn gerade ein anderes Kind mit einem begehrten Spielzeug spielt und Konflikte lassen sich besser mithilfe von Worten lösen als durch Schubsen oder Haare Ziehen. Regeln, so erfahren es die Kinder, helfen allen, damit es weniger Streit und Ärger gibt. Allerdings ist es oft schwierig, sich daran zu halten. Manchmal fühlt man sich unfair behandelt, ist wütend oder traurig und weiß nicht, wie sich ein Konflikt lösen lässt. An dieser Stelle kommen die pädagogischen Fachkräfte ins Spiel. Erzieher und Kinderpfleger sollten ihre Rolle nicht in erster Linie darin sehen, Kinder zu bilden oder sie gar zu „formen“: Vielmehr geht es darum jedes Kind darin zu unterstützen seine Persönlichkeit zu entwickeln und ihm gleichzeitig zu helfen die Grenzen anderer zu respektieren. Konkret bedeutet das, nicht immer sofort einzugreifen, wenn es Konflikte gibt – Ziel sollte es sein die Kinder zu befähigen so häufig wie möglich eigenständig Lösungen für Probleme zu finden. Dies gelingt, wenn…

 

… positive und negative Gefühle ernst genommen werden,

… jedes Kind, welches Trost und Zuspruch sucht, die nötige Aufmerksamkeit erhält,

… Regeln des täglichen Miteinanders gemeinsam bearbeitet werden,

… den Kindern die Möglichkeit gegeben wird, Streitigkeiten zunächst ohne Hilfe beizulegen,

… ältere Kinder in die Verantwortung genommen werden sich um jüngere zu kümmern,

… soziales und empathisches Verhalten deutlich mehr Aufmerksamkeit und positive Verstärkung erhält als unerwünschtes Verhalten,

… pädagogische Fachkräfte im Alltag die Augen und Ohren offen halten und ein Gespür dafür entwickeln, was die Kinder bewegt,

… Erzieher/innen und Ergänzungskräfte eng mit den Eltern zusammenarbeiten und eine vertrauensvolle Erziehungspartnerschaft aufbauen,

… schwerwiegendere Probleme und Konflikte in Projekten und Angeboten aufgegriffen werden, welche darauf abzielen personale, soziale und emotionale Kompetenzen     nachhaltig und ganzheitlich zu stärken,

… Pädagogen sich ihrer Vorbildrolle bewusst sind und auch ihr eigenes Konfliktverhalten reflektieren

 

Als Teil einer Gemeinschaft profitiert jedes Kind davon, wenn es eine Krippe oder Kita besucht, weil es dort einerseits lernt sich zu behaupten und seinen Platz zu finden und andererseits soziale Kompetenzen entwickelt die es braucht, um von anderen akzeptiert zu werden.

 

Spiele, Angebote und Projekte zur Förderung sozial-emotionaler Kompetenzen

Grundsätzlich entwickelt ein Kind, welches eine vorschulische Einrichtung besucht, ganz nebenbei soziale Kompetenzen, wenn es gesund ist und in stabilen Verhältnissen groß wird. Der Alltag in einer Kita macht dies möglich, denn sobald zwei Menschen miteinander interagieren ist Sozialkompetenz gefragt. Egal welche pädagogische Aktivität gerade ansteht: Soziale Kompetenzen werden im Grunde immer trainiert, egal ob es gemeinsam zum Zähne Putzen geht oder gebastelt wird. Soziales Miteinander funktioniert nur, wenn ein Kind lernt ist die Grenzen des anderen zu erkennen, dessen Gefühle zu verstehen und zu achten und Regeln zu befolgen. Allerdings stellt genau das jüngere Kinder vor eine große Herausforderung. Denn natürlich kann es Emotionen nur deuten und entsprechend darauf reagieren, wenn es sich mit ihnen beschäftig hat. Zudem ist bewiesen, dass Kinder die von ihren Bezugspersonen liebe- und respektvoll behandelt werden auch in der Lage sind andere dementsprechend zu behandeln. Viele soziale und emotionale Kompetenzen entwickeln Kinder also ganz nebenbei und ohne spezielle pädagogische Angebote zu diesem Bereich. Trotzdem kann es sinnvoll sein je nach Situation soziale und emotionale Kompetenzen auch gezielt zu thematisieren. Gründe dafür könnten beispielsweise Konflikte der Kinder untereinander sein, aber auch die Beobachtung, dass einzelne Kinder Probleme damit haben ihre Bedürfnisse angemessen auszudrücken. Gerade wenn es noch an der verbalen Ausdrucksfähigkeit ist es wichtig, dass Kinder trotzdem Methoden kennenlernen, wie sie sich ausdrücken können. Das kann zum Beispiel mit Hilfe von „Gefühlskarten“ geschehen, mit denen die Kinder ihre Stimmung beschreiben. Weitere Möglichkeit, soziale und emotionale Kompetenzen zu fördern sind

 

-          Rollenspiele und Improvisationsübungen,

-          der Einsatz von Bilderbüchern,

-          Gesellschafts- und Tischspiele,

-          Kooperative Spiele, zum Beispiel in der Turnhalle,

-          kreative Gemeinschaftsprojekte,

-          die Einrichtung eines Kinderparlamentes, die Wahl von Gruppensprechern usw.

 

Wichtig ist, dass Kinder im Kita-Alltag so oft wie möglich mit einbezogen werden, wenn es darum geht Entscheidungen zu treffen. Ein Kind, welches sich ernst genommen und wertgeschätzt fühlt, entwickelt eine stabilere Persönlichkeit und wird selbst auch eher andere Menschen und ihre Bedürfnisse erkennen und annehmen. Egal, ob es sich um langfristiges Projekt oder um ein Angebot handelt: Es ist wichtig aktuelle Interessen und Bedürfnisse der Kinder aufzugreifen und kein von Erwachsenen geplantes pädagogisches Programm umzusetzen. 

Ganz konkrete Praxisideen sowie wissenschaftliche Hintergrundinformationen zum Thema liefert der Aufsatz „Sozialemotionale Förderung in der Kita. Vom Projektleitfaden zum Qualitätsmerkmal“, welcher auf dem empfehlenswerten Fachportal für Frühpädagogik Kita-Fachtexte.de zu finden ist.

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