Partizipation im Kindergarten: So gelingt die Arbeit auf Augenhöhe

Es ist noch gar nicht so lange her, da waren die Regeln für die Arbeit von Erzieherinnen und Erziehern klar vorgegeben. Die Erwachsenen sind die „Chefs“ und nur sie entscheiden, was für die Kinder gut und richtig ist. Bis weit in die 90er Jahre waren viele Einrichtungen von dieser pädagogischen Grundhaltung geprägt.

Mittlerweile haben sich nicht nur die Denkweisen der Menschen geändert, auch die pädagogische Haltung von Fachkräften ist eine andere geworden. So sind beispielsweise in vielen Einrichtungen Kinderkonferenzen fest im Alltag integriert, die Kinder entscheiden mit, was in den kommenden Wochen an Unternehmungen ansteht und wie diese gestaltet werden sollen. Dabei lernen alle Kinder Chancen und Grenzen von Partizipation kennen. Es kommt durchaus vor, dass Kinder bestimmte Entscheidungen revidieren, denn sie können schon sehr gut abwägen, wenn eine gemeinsame Idee nicht so umsetzbar ist, wie sie sich das gedacht oder auch erwünscht hatten. Zugleich dient die Partizipation von Kitakindern auch der Entwicklung von Gruppenprozessen und der Persönlichkeitsentwicklung einzelner Kinder. Schließlich nehmen sie sich im partizipativen Prozess als wichtigen Teil der Gruppe wahr und lernen, dass ihre Meinung wertvoll ist. Ein erster Schritt von politischer Bildung bei den Jüngsten!

Partizipation in der Kita – eine Definition von Gemeinsamkeit

Ernst gemeinte Partizipation von Kindern bedeutet in der Pädagogik, dass Kinder ihren Alltag aktiv mitgestalten. Sie werden von Beginn an integriert und ihre Meinung zu bestimmten Themen ist ebenso viel wert, wie die der Erwachsenen. Kinder stehen für ihre Entscheidungen ein, erfahren auch Misserfolge und können sich gemeinsam an erfolgreich umgesetzten Ideen freuen. Doch es geht längst nicht nur um die Planung von Projekten und Angeboten, bei denen Kinder partizipieren sollten. Pädagogik auf Augenhöhe, wie Partizipation in Kita und Kindergarten oft auch genannt wird, bedeutet in erster Linie, dass Kinder ihr Leben selbst bestimmen und gestalten. Somit entscheiden sie nicht nach den Maßgaben von Erwachsenen, was für sie gut ist, sondern sie sind selbst für ihr Handeln verantwortlich. Dies kann in den unterschiedlichsten Bereichen der Kindertagesstätte erlebbar gemacht werden.

Wie gelingt Partizipation im Kindergarten?

Besonders wichtig für gelingende Partizipation in der Kita ist die Grundhaltung der pädagogischen Fachkräfte. Nur wer selbst vom Wert der demokratischen Entscheidungen mit Kindern überzeugt ist, kann dies auch entsprechend vermitteln und sich als gleichwertigen Teil der Gruppe einbringen, ohne sich als allwissender Erwachsener zu präsentieren – die wir ohnehin nicht sind.

Sollen Kinder an ihren Bildungsprozessen aktiv mitgestalten, ihre Ideen für den Alltag einbringen und Entscheidungen für sich und die Gruppe treffen, brauchen Sie jemanden an ihrer Seite, der sie führt und sie ermutigt, zu ihrer Meinung zu stehen. Sofern die Kinder erst im aktuellen Prozess mit Partizipation in Berührung kommen, sollten sie auch nicht überfordert werden, indem sie von einem Tag auf den anderen ALLES mitentscheiden sollen. Besser ist es, schrittweise vorzugehen und dabei erlebte und getroffene Entscheidungen immer wieder zu reflektieren.

Die Planung eines Ausfluges oder einer besonderen Aktion stellt einen guten Einstieg in die Partizipation dar. Dabei lernen die Kinder, andere Ideen zu respektieren, eine Mehrheitsentscheidung mitzutragen und trotzdem ihre Meinung zu vertreten. Nach dem Ausflug reflektieren alle gemeinsam, was gut und was weniger gut geklappt hat, welche Ideen man sich für das nächste Mal merken möchte und wie es sich angefühlt hat, die Planung in der Gruppe von Kindern zu gestalten. Zugleich erkennen die Kinder auch Grenzen ihrer eigenen Planungsmöglichkeiten, beispielsweise wenn es darum geht, Fahrpläne der Bahn zu lesen und sich daran zu orientieren, mögliche Eintrittsgelder so zu kalkulieren, dass alle Kinder mitmachen können, usw.

Nach einer ersten aktiven Teilhabe der Kinder ist die Motivation bei den Jüngsten zumeist so groß, dass sie auch in anderen Bereichen partizipieren wollen. Erzieherinnen und Erzieher sollten dann gemeinsam mit den Kindern – während einer Kinderkonferenz – überlegen, in welchen Bereichen die Kinder mitsprechen möchten. Sehr gute Möglichkeiten bieten die Raumgestaltung, die Tagesplanung und die Essenssituationen. Wann und wo die Kinder sich einbringen und in welcher Weise entscheidet die Konferenz.

Partizipation in der Kita als Teil des pädagogischen Konzeptes

Viele Facharbeiten handeln mittlerweile davon, wie Partizipation mit Kindern gelingen kann und wo auch die Grenzen der kindlichen Mitgestaltung liegen. So ist beispielsweise die Planung von Öffnungs- und Schließzeiten nichts, was die Kinder entscheiden können. Sehr wohl aber die Frühstückssituation, die bisher in einem bestimmten Zeitrahmen stattfand und von der die Kinder sich mehr Flexibilität wünschen. Selbst wenn die Kinder das sprachlich so noch nicht ausdrücken können, ist immer wieder zu beobachten, dass sie mit wenig Schwung zum Frühstücken gehen, weil sie dafür beispielsweise ein spannendes Spiel unterbrechen, die Bauecke vor Fertigstellung ihres Bauwerkes verlassen oder ein noch nicht zu Ende gemaltes Bild liegen lassen müssen.

Um nun also Partizipation im Kita-Alltag zu leben und für die Kinder erlebbar zu machen, gehört diese Form der Beteiligung als fester Beitrag ins pädagogische Konzept einer Einrichtung. Seitdem die Kinderrechte als Grundvoraussetzung für den Kitaalltag gelten, ist ehrliche und wahrhafte Partizipation aus dem Kindergarten nicht mehr wegzudenken. Damit es in einer Kita gelingt, muss das pädagogische Team seine Grundhaltung gegenüber Kindern und Eltern überdenken und festlegen, welche Art der Arbeit sie sich zutrauen. Partizipation kann auch „häppchenweise“ umgesetzt werden, gerade dann, wenn man sich neu auf den Weg zum partizipativen Miteinander macht. Wichtig ist, es zu wollen und damit ein demokratisches Grundverständnis für Kinder, Eltern und Team zu schaffen, das auf den Kinderrechten und auf demokratischen Regeln aufbaut.

Ein Beispiel für die Festschreibung von Partizipation in der Konzeption ist:

  • Vorwort evtl. mit einem Zitat
  • Gesetzliche Vorgaben/Grundlagen
  • Unsere Ziele
  • Partizipation im Alltag mit Kindern (in Krippe/Kita/Hort)
  • Partizipation von Eltern
  • Grenzen von Partizipation

So oder ähnlich lässt sich ein Baustein des pädagogischen Konzeptes für die Partizipation bereitstellen. Da dieser von enormer Bedeutung ist, sollte er (zumindest in Auszügen) auch Eltern zugänglich sein.

Ein Vorreiter für die Partizipation von Kindern und einer, der sich dafür einsetzte, Kinder so anzunehmen, wie sie sind, war Januscz Korczak, In seinem wichtigsten pädagogischen Werk „Wie man ein Kind lieben soll“ nimmt er mehrere Rechte von Kindern auf und beschreibt diese in seiner Vortragsreihe „Das Recht des Kindes auf Achtung“ unter folgenden Kategorien.

  • Achtung der Unwissenheit des Kindes
  • Achtung der Wissbegierde des Kindes
  • Achtung der Misserfolge und Tränen des Kindes
  • Achtung des Eigentums des Kindes
  • Recht des Kindes so zu sein, wie es ist

Auch ohne jedes dieser Rechte weiter auszuformulieren, stecken viele Möglichkeiten zur Deutung darin, die wir gerade in der heutigen Zeit aufnehmen und bedenken sollten. Immerhin lebte Korczak in einer Zeit, in der das Leben einiger Bevölkerungsgruppen als minderwertig und nutzlos erachtet wurde. Er selbst wurde mit den Kindern seines in Warschau gegründeten Kinderheimes ins Warschauer Ghetto verlegt und von dort im Jahr 1943 mit einem Zug zum Vernichtungslager Treblinka gebracht. Korczak begleitete „seine“ Kinder, weil er um die Angst der Kinder wusste und ihnen in diesen schweren Stunden ein klein wenig Halt geben wollte. Sein Leben wurde sogar verfilmt und der Film „Korczak“ ist sehr sehenswert.

Viele andere bekannte Pädagoginnen und Pädagogen, die die heutige Zeit wohl kaum erahnen konnten, haben schon zu ihren Lebzeiten zumindest Teile von Partizipation in ihren Konzepten entwickelt. Allen voran Maria Montessori, deren Leitspruch „Hilf mir, es selbst zu tun“ bereits den partizipativen Gedanken beinhaltet.

Wer Partizipation im eigenen Konzept verankern möchte, sollte sich mit den Pädagogen vergangener Jahrhunderte beschäftigen. Sicher lässt sich aus all ihren Lehren das jeweils essentielle herausfiltern, mit dem man ein eigenes, auf die Kinder zugeschnittenes Leitwerk für das pädagogische Handeln in der Kita geschaffen werden kann.

Das Leitungsteam der Kita „Sonnenschein“ in Potsdam erklärt im folgenden Video, wie in ihrer Einrichtung das Prinzip der Partizipation umgesetzt wird. Zentraler Bestandteil der Mitbestimmung sind Kinderkonferenzen und demokratische Abstimmprozesse. Unter anderem dürften die Kinder mitbestimmen, wie ein Wasserspielelement in ihrem Waschraum gestaltet werden soll.  In der Dokumentation kommen sowohl die Erzieher als auch die Kinder selbst zu Wort.

 

Chancen und Grenzen von Partizipation

Kinder können im Alltag in ganz unterschiedlichen Situationen beteiligt werden. Trotzdem muss man auch das Alter der Kinder unterscheiden, sonst passiert möglicherweise eine Überforderung. Beteiligungsmöglichkeiten von Krippenkindern sind beispielsweise die Wickelsituation, in der das Kind entscheidet, wie und von wem es gewickelt werden möchte. Beim Mittagessen bestimmen auch schon Krippenkinder mit, was und wieviel sie davon essen möchten. Trotzdem ist das Fachpersonal natürlich gefragt, um gesundheitliche Risiken für das Kind zu verhindern.

Im Kindergartenalltag können Kinder selbst bestimmen, wo, wie lange und mit wem sie spielen, sofern sie damit nicht Recht anderer Kinder verletzen. Sie planen ihre Frühstückszeit während des Freispiels selbst und entscheiden auch, ob sie den Mittagsschlaf mitmachen möchten oder nicht. Dabei sind die Erzieherinnen und Erzieher jedoch auch immer gefordert, die sozialen und emotionalen Kompetenzen jedes Kindes abzuschätzen und entsprechend zu bewerten, ob das Kind nun wirklich für sich selbst entscheidet. Insbesondere in integrativen Einrichtungen sind dabei viele Besonderheiten zu beachten, um Kinder mit den Entscheidungen nicht zu überfordern.

Demnach sind Grenzen des partizipativen Miteinanders oft in Personalmangel und schwierigen Gruppenkonstellationen sichtbar, da die Fachkräfte den Spagat zwischen Mitbestimmung der Kinder und tragbarem Tagesablauf für die gesamte Einrichtung schaffen müssen.

Beispiel: Die Kinder haben sich entschieden, einen Ausflug zu unternehmen. Sie haben geplant und vorbereitet. Am Tag des Ausfluges sind mehrere Kinder und Erzieherinnen krank. Der geplante Ausflug kann nicht in der vorbereiteten Form stattfinden, weil das noch vorhandene Personal die Aufsichtspflicht nicht gewährleisten kann. Hier gilt es nun also mit den Kindern ins Gespräch zu kommen und sich eine gemeinsame Lösung zu überlegen. Zur Partizipation von Kindern gehört auch, ihnen zu vermitteln, dass wir manchmal an Grenzen geraten und umdenken müssen.

 

Fortbildungen zur Partizipation

Viele Fortbildungsanbieter haben in ihren Angeboten Veranstaltungen, die Erzieherinnen und Erzieher auf dem Weg zur gelebten Partizipation begleiten. Viele wertvolle Fortbildungen in diesem Bereich bietet das Institut für den Situationsansatz. Eine große Zahl weiterer Anbieter hat entsprechende Angebote im Programm. Bei der Auswahl sollte man kritisch sein und die Vorerfahrungen der Seminarleiter erfragen, um am Ende tatsächlich von einer solchen Fortbildung mit neuen Erkenntnissen zu profitieren.


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